Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 4 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 55 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Z I 0 N Seite 55 Um einen Begriff von den Größenverhältnissen zu geben seien folgende Zahlen genannt: die judaistische Abteilung, die also sowohl Judaiea wie Hebraiea umfaßt, enthält im ganzen etwa 70000 Bücher, d. i. etwa ein Drittel des bisher katalogisierten Gesamtbestandes der Bibliothek. Vor« diesen 70 000 Werken mögen etwa 50 000 weltliche Literatur umfassen, also: Judaistik, jiddisch? Literatur, schöne Literatur und hebräische neuere Literatur. Der Rest von 20000 Büchern bildet die jüdisch-traditionelle Literatur der Nationalbibliothek. Er umfaßt die folgenden Abteilungen: 1. Thora und Tenach mit allen Kommentaren. 2. Mischna, Tossephta, Baraitha, beide Talmude, Midraschim (in alten und neuen wissenschaftlichen Ausgaben), Midraschsammlungen usw. In dieser Abteilung ist erwähnenswert die erste gedruckte Talmudausgabe von Bomberg in Venedig aus dem Jahre 1522. von der 20 Massechtoth vorhanden sind. 3. Halachisches Schrifttum, von den Geonim bis zu den neuesten Novellen zum Schulchan Aruch und den letzten Responsen. 4. Liturgie, alle irgendwie wesentlichen Gebetbücher und Machsorim, darunter allein nicht weniger als 800 Pessaeh-Hagadoth. 5. Jüdische Religionsphilosophie in annähernder Vollständigkeit. 6. Mussar- und Drusch-Literatur. 7. Kabbala. 8. Chassidismus. 9. Karäer. 10. Andere Sekten (Sabbatianer, Frankisten usw.). Aus der eigentlich wissenschaftlichen Literatur sind für unseren Zusammenhang noch folgende Abteilungen zu nennen: 11. Kalender. 12. Altjüdische Medizin. 13. Altjüdische Mathematik. 14. Altjüdische Grammatiker. 15. Altjüdische Chroniken, darunter natürlich auch die berühmten Reiseberichte Binjamins von Tudela, Petachias von Regensburg usw. Ins Weltanschauliche und Politische hinübergreifen die Abteilungen: 16. Misrachi und 17. Nationalismus, Zionismus. in denen die Schriften R a w Reines, Raw Kuck usw. sowie das gesamte organisatorische Material zur Geschichte des Misrachi vorliegen. Die anderen orthodoxen Parteien finden ihren Platz unter 18. Religiöse Bewegungen, wo auch die theoretischen Schriften Nathan Birnbaums, Isaak Breuers usw. zu finden sind. Schließlich findet sich natürlich sehr viel Religiöses in der Abteilung 19. Erez-Israel, die u. a. alte Beschreibungen des Landes wie ..Kaphtor U'ferach" mit zum Teil liturgischen Bemerkungen sowie Abhandlungen über die mit dem Lande verbundenen religiösen Pflichten usw. enthält. Selbstverständlich hat auch die große Arbeit von Abraham Luncz, der ja selbst ein traditioneller Jude war. hier ihre Heimstätte gefunden: die Jahrgänge seines ,.Palästina-Kalenders" und seines Jahrbuches „Hameamer". Bevor wir uns nun noch einigen Sonderbemerkungen zuwenden, sei übrigens erwähnt, daß die hier gegebene systematische Einteilung in ihrer Reihenfolge nicht der in der Bibliothek selbst durchgeführten -entspricht, da diese das Dezimalsystem des Amerikaners Dewey zugrunde gelegt hat. Von den 600 Handschriften judaistischer Natur, die die Bibliothek besitzt, ist die wertvollste wohl ein samaritanischer Pentateuch. Außerdem! gibt es 150 Kabbala- und etwa gleichviel talmudische und halachisehe Manuskripte; der Rest verteilt sich auf die übrigen, oben aufgezählten Abteilungen. L'nter den Inkunabeln (Wiegendrucke, vor 1500 gedruckte Werke) befinden sich u. a. die folgenden: der Erstdruck der „Misehne Thora". des Mainionides; die Thoraerklärung des Naehnianides in einem selbständigen Bande, ohne den Text der Thora: das „Sefer Mizuoth Gadol"' des Mosche Ben Jaacob von Couzv: der ,,Joreh Deah" aus den vier Turim; das ..Buch von den Wurzeln", das grammatische Hauptwerk David Kimchis: sowie schließlich ein Maehsor des römischen Minhag. Es mag bemerkt sein, daß diese wertvollen Manuskripte und Inkunabeln in einer eigenen feuersicheren Eisenkammer ruhen und also vor jedem Ungemach geschützt sind. Zum Schluß noch ein Wort über die Benutzung dieser Abteilungen. Sie dienen keineswegs nur den fachlichen Bedürfnissen der Universitätslehrer und Studenten, sondern auch dem einlachen ..Lernen" nicht weniger Baehurim der Jerusalemer Jeschiwoth. Auch kommt es nicht selten vor. daß ein Talmudbeflissener sich über irgendeine spezielle halachisehe Frage an Hand der umfangreichen Dezisorcn- und Responsensammlung der Bibliothek systematische Uebersicht zu verschaffen sucht. Pessach In Russland. Moskau, 16. April. (J. T. A.) Die ersten zwei Pcssaeh-Festtagc sind überall in Rußland ruhig verlauten. Zusammenstöße zwischen religiösen Juden 'und Atheisten, die in den letzten Jahren eine fRegel waren, sind in diesem Jahre nirgends 21t verzeichnen gewesen. Die Seder-Abende wurdtsn überall traditionell gefeiert, die Synagogen und Betstuben waren von Andächtigen überfüllt. Entsprechend der Anordnung der Sowjetregierung, keine antireligiösen Demonstrationen zu veranstalten, übten auch die jüdischen Kommunisten Zurückhaltung und beschränkten ihre antireligiöse Kampagne darauf, kleine Antipessach-Versammlungen abzuhaltea Es fiel auf, daß die Zeitung „Emeß" zum ersten Male seit ihrem Bestehen in der Pessachzeit ohne einen Antipessach-Artikel erschienen ist. In Minsk, Kiew, Odessa und in den kleineren Städten Sowjetrußlands hat sogar ein großer Teil der jüdischen Arbeiterschaft das Pessachfest traditionell gefeiert.