Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ION MONATS BLÄTTER FÜR LEHRE, VOLK, LAND HE It AUSGEGEBEN VOM ZENTRALBÜRO DES DEUTSCHEN MISRACHI. BERLIN N 24 KON BIJOU PLATZ 10 REDAKTION: ALEXANDER ADLER. R K R L! N - DR. KltNST SIMON, JERUSALEM BEZUGSPREIS RM. 1,50 PRO QUARTAL. ZU BEZIEHEN DURCH DEN HERAUSGEBER ODER DURCH DIE POST Nr. 3. Berlin, März 1930. Adar 5690 II. Jahrgang Russland. Die jüdische Geschichte der 2000jährigen Gallith setzt sich zusammen aus zehntausenden von Tragödien. Alle diese unzähligen tragischen Einzelschicksale machen aber nicht eine jüdische GesamUragödie. Die Geschichte des jüdischen Volkes in der Diaspora ist nur ein eminent heroisches Schauspiel, denn niemals konnte die Grundlage der Tragödie, der Untergang des im Mittelpunkt der Ereignisse stehenden Helden, Schicksal des Volkes in seiner Gesamtheit werden. Allen tragischen Ereignissen zum Trotz erhielt sich das Volk, ja es ging nur immer kraftvoller, immer zielbewußter aus tiefster körperlicher und geistiger Not seinen ihm vorgeschriebenen Weg — an's Lebensmark ist ihm keine der Verfolgungen gegangen. In unseren Tagen aber erleben wir eine Tragödie — den Untergang der nach Millionen zählenden russischen Judenheit! Und was besonders traurig ist — w i r, die wir in anscheinend gesicherten Verhältnissen leben, empfinden gar nicht mit, welch' ein ungeheuerliches Schicksal über einen so großen und lebenswichtigen Teil des Volkes hereingebrochen ist. Es ist uns noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß wir in der Etappe eines gewaltigen Kriegsschauplatzes leben, eines Kriegsschauplatzes, auf dem unsere Brüder um ihr Leben als Juden kämpfen. Vielleicht -können wir ihnen in nichts helfen, aber mitempfinden sollten wir doch, nicht einfach die Augen verschließen vor dem, was drüben vorgeht, nicht glauben, daß die Tatsache schwerster Gefahr für das Judentum geleugnet werden kann, weil wir sie nicht sehen oder vielmehr nicht sehen wollen. In der Etappe leben wir und jede Etappe kann auch einmal zum Kriegsschauplatz werden, auch deshalb müssen wir uns klar darüber werden, was sich eigentlich dort ereignet, damit wir wissen, wogegen wir uns schützen müssen, wenn, was Gott verhüten möge, die Gefahr sich uns nähert. Es soll hier nicht von Politik die Rede sein, nicht davon, ob die neue russische Gesellschaftsordnung besser ist als die alte: die mehr als hundert Millionen betragende Bevölkerung Rußlands hat ihr Schicksal und die dort lebenden Juden teilen es. In früheren Zeiten bedrückte die herrschende Religion eines Landes die anderen Religionen, heute wütet eine religionslose Oberschicht in Rußland gegen alle Religionen gleichmäßig, auch das ist es nicht, was den Inhalt dieser Zeilen darstellt. Auch dieser Kampf gegen uns könnte uns nicht vernichten, wie auch die Inquisition das Judentum nicht in seinem Lebensnerv treffen konnte. Die zermürbende Gefahr für das große russische Judentum liegt darin, daß der Kampf geführt wird von Juden gegen Ju den. daß die schlimmsten Feinde nicht in fremdem, sondern im eigenen Lager zu suchen sind. Gerade das russische Judentum war bisher eine in sich geschlossene Einheit wie kein anderer Teil des allweltlichen Judentums, hier kannte man eine selbstverständliche, echte Brüderlichkeit, einer stand für alle und alle für einen. Jedem, der in deutschem Heeresdienst stehend nach Rußland kam und dort Juden antraf, wird es ein unvergeßliches Erlebnis geblieben sein, wie man ihn dort als Bruder begrüßte, in der Familie aufnahm und sich, auch wenn man aus materiellen Gründen noch so wenig bieten konnte, an Aufmerksamkeit und Liebe überbot. Wenn man an die Verbundenheit des russischen Juden mit jedem seiner Volksgenossen denkt, kann man erst ermessen, -ein welch starker Zersetzungsprozeß eingesetzt haben muß, bis es dazu