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Zion · 1929-10-01 · 10 (10.1929) · p. Seite 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
1 (1929)
Issue
10 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 132 (sequence 14)
Language
German
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Seite 132 ZI 0 N Nr. 10 heisst für Breuer „Duldung der neologen und zionistischen Ueberzeugung", heisst das Judentum zur „Parteisache machen". „Gemeindeorthodoxie und Misrachi sind Widersprüche in sich. Sie haben beide, bewusst oder unbewusst, das Judentum zur Parteisache erniedrigt'1. Und das „Facit" (1928) dieses Kampfes für Breuers sachliche Forderungen und für sein Ideal der „Eioheit des Sollens": „Die deutsch-jüdische Orthodoxie ist ein Trümmerhaufen". Trotz Weltkrieg, Zionismus und Nationalheim steht die Weltorthodoxie an derselben Stelle, an der sie bei Beginn des Weltkriegs gestanden hat; und nüchtern und bitter klingt Breuers Anklage: „Geldbeträge nennenswerten Ausmasses stellt die Weltorthodoxie für diesen Kampf nicht zur Verfügung". Worin liegt die Ursache dieses Misserfolges? Breuer bleibt die Antwort schuldig. Seine Deduktionen sind doch so klar und übeizeugend, dass es einem auffallen müsste, wenn es dennoch „Orthodoxe" gibt, die sich dieser scheinbar zwingenden, mit wahrhaft feuriger Begeisternng vorgetragenen Logik entziehen können. Aber diese „abhängigen" Orthodoxen sehen, wie das religiöse Judentum in den Gemeinden und in Erez- Israel Position um Position ohne die „völlige Freiheit" des Austritts gewinnt? Schliesslich ist doch die Erfüllung selbst eines einzelnen Gesetzes durch irgend ein jüdisches Individuum nicht so wertlos, dass man die Arbeit in den Gemeinden nicht auch als „restlose Hingabe an das Gottesgesetz" zu begreifen vermag. Auch der Austritt lässt neben der Wahrheit eine Unwahrheit aufspriessen. Er stört die Neologie keineswegs und sie existiert „trotz Verneinung der LebensberechtiguDg". Die Reform andererseits ist nicht so sehr vor der defensiven Haltung der unabhängigen Orthodoxie als vor dem aktiven Weckruf der Zionisten zurückgewichen. Es heisst, das ungeheure Verdienst des aufgezwungenen zeitlich und lokal bedingten Austritts herabsetzen, wenn man seine historische Gegebenheit verkennt und Masstäbe an ihn legt, die ihn zur Lächerlichkeit verurteilen. Vom Weltkrieg zum Austrittsgedanken ist doch ein sonderbarer homiletischer Gedankensprang, nicht viel weiter als von Gerhard Hauptmann oder Schiller zum Judentum. Der Unterschied zwischen dem „wissenschaftlichen" Berlin und Frankfurt mag ja zeitweise darin bestanden haben, dass man dort den Gegensatz der Persönlichkeiten, hier den Gegensatz der Methode betonte, in seinem Kern ist es aber leider nur ein Gegensatz der Persönlichkeiten, nämlich der Persönlichkeiten in Berlin und in Frankfurt a. M. Und darin liegt die Schwache der Breuerschen These, dass sie trotz ihres hohen Idealismus eben ein persönliches Dogma darstellt, und dass sie innerhalb der Orthodoxie trotz allem Sträuben eben doch nur eine Methode ist. Die Methode geht allerdings nicht von wissenschaftlichen Grundsätzen, aber doch auch von menschlich gebundenen — wenn auch gottsuchenden —psychischen Einstellungen aus. Immerhin sollte man nicht vergessen, dass das wissenschaftliche Berlin vielen Gemeinden von diesen erwählte und anerkannte Führer herangebildet hat. Der Zionismus bezeichnet sich gerne als das antizipierte jüdische Volk. Er hätte sich in der Breuerschen Terminologie als die antizipierte „Einheit de Seins" der jüdischen Nation auffassen können. Kan man mit Recht die unabhängige Orthodoxie als die antizipierte „Einheit des Sollens" auffassen? Wahr ist, dass politische Parteien wegen der „Kornzoll-Frage auseinandergehen". Aber sie bleiben doch Teile eines Volkes, und schwerste religiöse Gegensätze finden Platz in einem Staatengebilde, ohne die gegenseitige Berechtigung damit anzuerkennen. Nicht wer der zionistischen Organisation beitritt, untergräbt die Einheit des Sollens, vielmehr wer im Namen dieser Einheit die Einheit des Seins zu sprengen sucht, indem er eine doppelte Einheit, eine Zwei-Einheit organisiert. Den Höhepunkt der Aufsatzserie bildet nach Inhalt und Form der dritte: „Die zwei Hirtenstäbe". Er klingt wie ein Bekenntnis, umspannt in grossen Zügen die Geschichte des jüdischen Volkes von Nebukadnezar bis heute und sucht den Sinn in ihr zu analysieren. Der Autor erhebt sich hier zu hinreissenden Perspektiven. Er schreibt eine Apotheose des — zionistischen Gedankens, des Misrachi, wobei kaum ein Argument vergessen wird. Und dann, wie ein Abgrund, die Worte: „Dort steht das Nationalheim. Die Nationen des Westens haben es der jüdischen Nation versprochen. Ich frage: welcher jüdischen Nation, der alten oder der neuen?-' Soll man auf diese Frage wirklich antworten, auf diese Frage, die keiner für möglich hält, der die Einheit des jüdischen Volkes wirklich lebt, so kann die Antwort nur lauten: Die Nationen haben es donen gegeben, die aus tiefster, unbezwingbarer Sehnsucht mutig und rücksichtslos den Völkern ihre Forderungen nach Wiedergutmachung des alten Unrechts in die Ohren gedonnert haben. Sie haben es denen gegeben, die es im Namen der realen Einheit des ganzen jüdischen Volkes, einer Einheit von Vergangenheit bis Zukunft, für dieses forderten. Gerade diese wichtigste Idee muss aufhören, „Gegenstand des Zanks und Streits" zu sein. Wenn dem Verfasser um das Judentum wirklich nicht „bange" ist, warum das alles? — „Um uns ist mir bange!" sagt Breuer. Wer ist „uns"? Die „unabhängige Orthodoxie" oder das jüdische Volk?! Eine „unabhängige Orthodoxie" die frei von jeder Verantwortung ihre Hände in Unschuld wäscht, die sich in ihre „Königsfeste" zurückzieht, weil ihr „bange" ist, die trotz Weltkrieg und Balfour-Deklaration fragen kann: welcher Nation?, eine solche Orthodoxie ist ideologisch von der antizipierten Einheit des Sollens zu weit entfernt, als dass sie überzeugen und zu einem anderen „Facit" führen könnte wie zu einem „Trümmerhaufen". Jeder sollte gerne darauf verzichten, in dieser Atmosphäre Führer zu sein! Die Streiter, die auszogen auf den Ruf „Wer Gottes ist, her zu mir!", machten meines Wissens keine separate Wüstenwanderung, sie zogen mit dem ganzen Volke. — — „Programm oder Testament" — oder etwa Nekrolog? Dr. Gabriel Knoller. Verantwortlich für die Redaktion: Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. Verlag des „ZION": Alexander Adler, Monbijonplatz 10. Druck: Itzkowski & Co., Berlin N 24, Auguststr. 69.

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