Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 22 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3133276-3139346-3139348--0031-3139506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 22 Z I 0 N Nr. 2 die im weiten Halbkreis kranzartig den Fluss umstanden, gewährten uns Schatten und ersehnte Kühlung. Wir folgten dem in vielen Windungen sich die fruchtbare Niederung dahinschlängelnden Lauf des ruhig und scheinbar bedächtig fliessenden Flusses bis zu seiner Mündung. Bis weit hinaus ins Mittelländische Meer konnten unsere Augen die Wasser des Jarkon verfolgen, die sich ihren Weg in die azurblaue Ferne bahnten. An der Küste des Meeres entlang wandernd, über die kahlen Sandstrecken, aut denen heute die blühende Frühlingsstadt Tel Aviv liegt, erreichten wir wieder Jaffa, die von der Wanderung am FluBse heiss and matt gewordenen Füsse in den an die Küste herandrängenden Wogen kühlend. Nur wer eine solche Wanderung hinter sich hat, versteht die Wohltat zu würdigen, die unser Vater Abraham den drei Männern gewährte, als er ihnen Wasser für ihre Füsse anbot. Einen anderen Teil des Flusses sollte ich bei anderer Gelegenheit kennen lernen. Dieses Mal benutzte ich einen Wagen für den Aut Aug. Auf der Hinfahrt besuchte ich die blühende deutsche Templerkolonie Sarona, deren nordwestliche Grenzen sich bis zum Jarkon erstrecken. Hier befinden sich die sogenannten „Sieben Mühlen". Der Name schien uns übertrieben. Waren es früher einmal sieben Mühlen? Der Araber nennt den Ort noch immer so und würde es vermutlich noch immer weiter tun, wenn auch einmal die letzte der Mühlen ihre Arbeit eingestellt haben wird. Heute treibt der Jarkon noch mehrere primitive Mühlen und der Fellache der Umgeg nd bringt hierher sein Getreide, um Mehl für den eigenen Gebrauch zu erhalten. Für uns aber birgt diese Stelle unseres Flusses eine wundersame Ueberraschung. Nächst der Chaussee, die nach Nablus führt, erhebt sich ein kleiner Hügel, ein abgerundeter Kegel von regelmässiger , fast mathematischer Figur, der „Berg Napoleons" genannt wird. Ein schmaler Feldweg führt uns um den Hügel herum und jetzt offenbart der Jarkon sich uns in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Hier sind die sieben Mühlen! Araber, ich habe Dir Unrecht getan, man muss diese Stelle ewig sieben Mühlen nennen: von sieben Felsen aus stürzt sich der Jarkon in einer Höhe von 4—6 Metern mit grossem Getöse ins tiefere Tal und bildet unterhalb der Gefälle mehrere, mit herrlichsten Bäumen üppig bestandene Inseln. Das sind des Schöpfers sieben Mühlen am Jarkon. Später hatte ich einmal Gelegenheit, eine andere Stelle des Flusses zu besuchen, an der zehn Wasserfälle sich in das tiefer gelegene Flussbett ergiessen. Aach hier wieder der. arabische Name „die zehn Mühlen". Eine besondere Anziehungskraft übte das Quellental unseres Flusses bei Ras-el-Ain auf mich aus. Räs-el-Ain selbst ist wenig reizvoll. Es ist ein elendes arabisches Dorf auf einer kleinen Anhöbe, wie es hunderte von Dörfern im Tal gibt. Interessant sind jedoch die allerorts auftauchenden sprudelnden Quellen, die auf einer verhältnismässig kurzen Strecke zu einem ganz ansehnlichen Flusse zusammenströmen, der dann die alte Festung Antipatris in einem fast runden Kreis umfliesst. Josephus berichtet darüber: „Zum Andenken an seinen Vater gründete Herodes in der schönsten Ebene seines Landes, in der vielgepriesenen Ebene Saroo, in einer von Flüssen bewässerten und von Bäumen bedeckten Gegend, eine Stadt, die er Antipatris nannte". Von der Stadt ist keine Spur zurückgeblieben. Hingegen bietet die vom Jarkon umflossene, auf einem weithin sichtbaren, steilen Hügel sich erhebende Festungsruine auch in unseren Tagen einen imposanten Anblick: ein stummer Zeuge einer ruhmreichen Vergangenheit. In der letzten Zeit wird der Name des Jarkon sehr oft im Zusammenhang mit den im Entstehen begriffenen Buthenberg'schen Elektrizitätswerken genannt. Der Ruthenberg'sche Plan sieht nicht nur die Erfassung der Wasserkräfte des Jordan vor, sondern will auch die Verwertung der Wasserfälle des Jarkon mit einbeziehen. Ferner gilt es als eine beschlossene Tatsache, das nicht vom Jordan, sondern vom Jarkon her das seit jeher unter Wassernot stark leidende Jerusalem mit Wasser versorgt werden wird. Damit wird ein für alle Mal die Wasserfrage in Jerusalem ihre entgültige Lösung finden. Auch noch eine andere Ausnutzung des Jarkon soll hier Erwähnung finden. Seit einiger Zeit sieht man in Tel-Aviv Antoomnibusse mit der Aufschrift: „Nach dem Jarkon". Für den geringen Preis von einem halben Piaster, etwa 10 Pfennigen, bringen sie Erholungssuchende in knappen zehn Minuten an die Ufer des Flusses. — Hier, wo noch \or wenigen Jahren wüste Einöde war, stehen heute etwa dreissig Häuser und Baracken jüdischer Anwohner. Den Fluss bevölkert eine ganze Flottille von Ruderbooten, die dem Erholung und Zerstreuung suchenden Pnblikum zur Verfügung stehen. Vom frühen Nachmittag bis spät in die Nacht wird der gesunde Rudersport betrieben, hebräische Lieder klingen zum Takt der sich regelmässig hebenden und senkenden Ruder. So dient der Jarkon der Gesundung und sportlichen Ertüchtigung der Tel-Aviver Stadtbevölkerung. Der Fluss aus dem Buche Jehoschua, der schon den ersten jüdischen Einwanderern nach 40 jähriger Wüstenwanderung ein segenspendender Frennd erschienen sein mag, spendet ihren späten Nachkommen, die wieder das alte Land der Verheissung in Besitz nehmen, den gleichen Segen und die Freundschaft. Stundenlang rudert man stromaufwärts (jetzt ist mir das Wort „Strom" doch ganz unbewusst entschlüpft), an herrlichen von Orangengärten umsäumten Ufern entlang, begleitet vom Klang