Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1869
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 187)
- Language
- German
- Belongs to
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189 Sehr schmerzlich traf auch die Juden die Ausweisung nus dem Prag nahegelegenen Orte Lieben, welcher ebenfalls am 5. August 1746 stattfand, wo sich bis dahin viele Juden aufgehalten hatten. Trotzdem wir jedoch diese Motive wohl zu würdigen wissen, können wir nichtsdestoweniger die auf dem Lande wohnenden Juden in Böhmen nicht ganz von einem gewissen Grade von Hartherzigkeit freisprechen. Es heißt öfters, daß gemeinsames Unglück die Leidtragenden mit einander verbinde: ebenso oft kommt es aber auch vor, daß das Unglück die Menschen egoistisch macht, so daß sie hartherzig werden. Wir haben schon an andern Orten zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß jene Juden, die über gewisse Rechte Privilegien erhielten, sorgfältig darüber wachten, diese Privilegien ausschließlich zu genießen, und z. B. fremden Glaubensgenossen die Einbürgerung erschwerten, wo nicht gar unmöglich machten. Wir erinnern daran, daß es zur Zeit der „Toleranz" (bis zum Jahre 1848) in Wien Juden gab, welche öfters die Gesuche fremder Juden um Toleranz zu hintertreiben suchten (vgl. unsere „Geschichte der israelitischen Cultusgemeinde in Wien"). Hier finden wir einen ähnlichen viel härtern Vorgang. Viele Juden aus Prag, die infolge der Auswanderung, wie wir bereits bemerkten, in Scheunen und Ställen u. s. w. Unterkunft suchen mußten, wurden krank. Während es sonst zu den schönsten Liebeswerken gehört, Kranke zu pfiegen (Bikur Cholim), weigerten sich die damaligen Juden, ihre kranken Glaubensbrüder zu beherbergen. Diese Hartherzigkeit war um so sträflicher, da in früheren Zeiten die Juden vom Lande, welche erkrankten, nach Prag zogen, um dort ärztliche Hülfe zu suchen, und im jüdischen Krankenhause daselbst Pflege fanden.