Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1862
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1862-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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70 stolz sein auf das im Gebiete jüdischer Geschichte Geleistete, wenn wir die Kürze der Zeit, seitdem von einer Geschichte der Juden und des Judenthums die Rede sein kann, in Rechnung bringen. Es braucht aber auch kaum berührt zu werden, wie Vieles noch zu thun übrig ist; liegen doch noch immer so bedeutende Quellen für jüdische Geschichte unter Schloß und Riegel von Bibliotheken, welche wenigen Bevorrechteten zugänglich sind, oder vermodern in Archiven, deren Schätze das Licht der Oeffentlichkeit scheuen müssen. Ist also auch im Großen uüd Ganzen das Gebäude der 'jüdischen Geschichte aufgeführt, so erwartet doch der innere Ausbau eine regsame und sorgfältige Thätigkeit. Viel Biographisches muß noch herbeigeschafft werden, ehe wir uns recht heimisch in dem Gebäude fühlen werden. Gestatten Sie mir, meine Verehrten, ein kleines Scherflein zur Verschönerung des Hauses herbeibringen zu dürfen. Ich möchte Ihnen das Lebensbild eines Weibes vorführen, die gleichmäßig als Dichterin in ihrer heimathlichen Sprache, wie auch als Kennerin unserer altehrwürdigen Religionsquellen und was noch mehr als dieses Beides ist, als Glaubensheldin unsere größte Hochachtung verdient, und die dennoch kaum dem Namen nach unter uns bekannt ist. Unsere jüdischen Geschichtswerke nennen sie entweder gar nicht, oder fertigen sie mit höchstens zwei bis drei Zeilen ab. *) Der Name dieses würdigen Weibes ist Sara Copia Sullam, ihre Heimath Venedig, wo sie am Ende des 16. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickt hat. Manche günstige Umstände mußten zusammenwirken, um gleichmäßig ihre Geistesgaben und Gemüthsanlagen zur schönsten Blüthe zu entfalten, für die körperlichen Reize hatte die Natur liebevoll gesorgt. Doch werfen wir zunächst einen flüchtigen Blick auf die Lage der Juden in Venedig um diese Zeit, um uns das Verständniß zu ermitteln, wie gerade in dieser Zeit ein so bedeutendes Talent unter den Juden Italiens sich entfalten konnte. Venedig, diese so günstig für den Handel gelegene Lagunenstadt, zählte schon sehr frühzeitig Juden unter seinen Bewohnern