Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1861
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 242)
- Language
- German
- Belongs to
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224 den inneren Bewegungen eines vor uns wandelnden. Menschen nachzuspüren, und forschend Heftel sich unser Auge aus das Gesicht des Freundes oder Feindes, erfragend, was wohl jetzt in seinem Gemüthe vorgehen mag: doch oft vergebens. Um wie viel anmaßender scheint die Bemühung dessen zu sein, welcher es wagen will, die Gefühlswelt eines längst Abgeschiedenen zu enträthseln, und die geheimen Kammern zu eröffnen, in denen die Gesetze einer untergegangenen Natur, Zeit und Bildung gewaltet haben. Bei einer solchen Aufgabe erscheint uns denn nur ein Weg gangbar, aus dem wir hoffen können, sie zu lösen und unserm Ziele uns zu nähern, wenn wir versuchen, zunächst die Kreise kennen zu lernen, in welchen die erste Gestaltung und Bildung des Menschen begann, dessen Leben wir erkennen wollen, aus welchen er sich hervorbewegte, um für die Dauer seines ganzen Aufenthalts unter den Sterblichen den Stempel derselben mit davonzutragen. Nur aus dem Werden erklärt sich das Wie, und wir haben den Vortheil, das menschliche Leben nicht^als ein Conglomerat, ein Todtes - Liegendes, sondern als ein Organisches, Sichimmerfortbewegendes anzuschauen. — Diesen Weg wollen wir bei der folgenden Würdigung des Charakters Spinoza's gehen, und möge es uns gelingen, aus ihm nicht allein die Theilnahme unserer Leser zu erwecken und zu erhalten, sondern auch ein recht lebendiges Bild aufzustellen. — Früh eingeweiht in die tiefsten Geheimnisse der talmudischen Gelehrsamkeit, welche apodiktisch Glauben und Folge heischt, verliert der Jüngling Spinoza nicht wie Tausend und abermals Tausende seiner Vor- und Nachgänger das eigene Urtheil. Er reißt sich von den talmudischen Commentaren ab, schlägt sich zu der Quelle, der heiligen Schrift, und glaubt hierzu finden, daß es ein anderes freieres Leben gebe, welches jene verdecken. Darum strebt er nun, sich mit dieser eigentlichen lebendigen Welt zu befreunden, und findet in der Physik und der