Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1861
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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72 wurden wir um 1 Uhr durch Adjutant Vogt geweckt mit der Anzeige, er müsse uns auf das Rathhaus bringen. Dies geschah unter Begleitung unserer sechs Schildwachen. Bevor wir vom Thore fortgingen, mußte der Gewaltiger mit seinen Steckenjungen unsere Kammern verschließen. — Man setzte mich (auf dem Rathhause) in die alte Probestube und meinen Bruder oben in eine andere, die zwei Sergeanten mit der Schildwache blieben bei uns. Ordre war gegeben, Niemanden zu uns zu lassen, auch kein Essen oder Trinken uns zu reichen, bis Specialordre von den Herren Bernstorf und Hotorf käme. Mittags gegen 11 Uhr verlangten wir Essen, erhielten aber Bescheid, wir hätten sonst schon manchen Tag gefastet, könnten also auch diesen Tag fasten. Um 3 Uhr Nachmittags kamen die beiden Herren mit-dem Sekretair Knolle, welche mich hatten in die rechte Probestube (?) fordern lassen. Rickmann, unser Vertreter, war denselben Tag (1. Juni) in's Plenum auf der Kanzlei gegangen und hatte zu Protokoll nehmen lassen, man solle mit der Tortur noch innehalten, weil er versichert sei, die Verwandten würden noch einen Vergleich eingehen, weßhalb ein Bote nach Halberstadt gesandt worden, der jeden Augenblick zurückerwartet werde. Er erhielt zur Antwort, man werde das Protokoll den Commissarien senden, wie auch geschah. Man hatte aber keine Antwort erhalten. Jetzt ward mir das Urtheil wegen der Tortur vorgewiesen und ich aufgefordert, in der Güte zu gestehen und die Wahrheit zu sagen, oder man werde mich in den Keller bringen und die Ordre vollstrecken. Man richtete an mich noch einige Fragen, die ich beantwortete, wie das Protokoll lautet. Unterdeß trat der Wagschreiber des Rathhauses herein und brachte eine Vorstellung von Joseph Oppenheim und Samuel Hamburger, welche vor der Tortur die Räthe zu sprechen verlangten, weil sie einen Vergleich vorschlagen wollten, der den Gläubigern vortheilhast sei. Der Herr von Bernstors warf das Schreiben zur Erde und machte dem Wagschreiber bittere Vorwürfe, daß