Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3138070-3138071-3138072--0062-3138152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 und jeder, welcher konnte und Menschen brauchte, kaufte sie auf. Es war gefährlich, sich eine halbe Werst weit ohne Paß zu entfernen, weil jedem das Schicksal bevorstand, aufgegriffen und unter die Rekruten gesteckt, oder nach andern Orten hin verkauft zu werden, wo man Rekruten nöthig hatte. Es ist schwer, sich vorzustellen, was für Unheil diese Maßregel stiftete, welche augenscheinlich zur Erleichterung der Gemeinden gegeben worden war. . Solche, die keinen Paß hatten, wurden gejagt wie Wild, weil das Geldvortheil einbrachte; man machte nicht auf sie Jagd, um die Landstreicherei zu vertilgen, sondern aus Eigennutz. Das war aber noch wenig. Man riß Kinder aus den Armen ihrer Eltern mit Gewalt oder mit List, führte sie fort und verkaufte sie als Landstreicher. Das ist schrecklich! rief ich aus. Ja schrecklich, unerhört, aber es war doch so, fuhr der Doktor fort. Jede Stadt, jeder Flecken trieb Handel mit Aufgegriffenen. Zu ihnen gehören auch die vier Soldaten, zwei derselben, welche unter einander so ähnlich sind, sind Zwillingsbrüder. Sie lebten mit ihrer Mutter in einem Dorfe, und nährten sich von ihrer Arbeit; ihr Vater war als Matrose auf der Flotte umgekommen. An einem schönen Abend fährt der Amtmann bei ihnen an, ergreift sie, bindet sie und führt sie nach dem nächsten Orte ab, wo er von den Aeltesten der Gemeinde seine Zahlung empfängt, die schon vorher verabredet war. Das Weinen und Klagen der Mutter half nichts. Dieser schlechtaussehende und kleine Mensch, den ihr am Bette sehet, ist wirklich ohne schriftlichen Ausweis ergriffen worden; das heißt, er hatte solchen, aber er war verfallen. Er arbeitete bei Jemanden in der Stadt als Schneider, wurde krank, hatte keinen Pfennig Geld, und konnte nicht nach einem neuen Paß schicken. Am ersten Tage seiner Genesung ging er aus, um Arbeit zu suchen; Häscher ergriffen ihn auf der Straße, brachten ihn nach dem Werbehaus und legten ihn zugleich mit andern Rekruten in Fesseln. Aber diesen starken jungen Mann