Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums · 1860-01-01 · Heft 1 · p. Seite 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
Volume
1860
Issue
Heft 1
Date
1860-01-01
Page
Seite 44 (sequence 48)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3138070-3138071-3138072--0050-3138140
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

44 andern Gasthaus, fünf Werst davon, dort speiste man bereits zu Abend, wieder derselbe Auftritt, und abermals Halb-Jmperiale. So fuhr er mit dem Leichnam die ganze Nacht und den folgenden Tag herum*) und erhob überall von den Ebräern Geld zur Schonung der Ehre des Sabbats. Am Sonntage kehrte er nach der Stelle zurück, wo der Leichnam gefunden worden, und kaltblütig, als ob'nichts geschehen wäre, stand er dabei, um die Ankunft der zeitigen Untersuchungs¬ Abtheilung zu erwarten. Ein anderer Held derselben Art schor einem unglücklichen Lehrer den halben Kopf ab und schickte ihn in Ketten zum Landrichter, welcher ihn ins Gefängniß setzte, woraus der arme Mann nach einem Jahre und erst durch Verwendung guter Menschen befreit wurde. Die Sache verhielt sich also. Der Lehrer war ein ziemlich gebildeter Mann.; er trug seinen Schülern die Bibel mit deutscher Uebersetzung vor, und belehrte sie m Rechnen, in Geschichte und Geographie; an dem Orte war solch ein Lehrer eine Seltenheit. Alle Wohlhabende von jüngerm Zuschnitt vertrauten ihm ihre Kinder an. Man darf nicht vergessen, daß er Privatlehrer war, die kaiserlichen Schulen waren damals noch den Juden unzugänglich. In jener Zeit behalf sich jeder Ort mit unwissenden Melamdim**), welche, Gott sei Dank, nach und nach verschwinden. Das waren nämlich schreckliche Fanatiker, welche sich über metaphysischen Wahnwitz den Kopf zerbrachen, oder einfache Unwissende, welche kaum die heilige Schrift und zur Noth einen oder zwei Traktate aus dem Thälmud verstanden. Die Kinder wurden haufenweise zusammengedrängt, in sogenannten Chadarim oder Schulstuben, wo sie mit lautem Geschrei und wilden Leibes- *) Man muß wissen, daß in einigen Gegenden Polens die Gasthäuser hauptsächlich in jüdischen Händen find. D. Uebers. **) Wir hatten dasselbe Verhältniß noch 1820 in den meisten Gemeinden Deutschlands. D. Uebers.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.