Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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35 Lange Zeit, heißt es, konnte die Stadt sich nicht erholen von der Erstarrung; lange konnte Niemand sich aus der Straße sehen lassen; wer aber durchaus nicht umhin konnte, der mußte wie ein Dieb sich -durch finstere Gäßchen und unter Zäunen hinschleichen. Zwei Monate blieben die Läden geschlossen, die Märkte leer, kein Leben, keine Bewegung zeigte sich. Gestöhn und Geseufze, das war alles, was man hörte. Jeder beweinte irgend jemand, da fehlte der Vater, da der Bruder, da der Sohn, der Ehemann und oft Alle zugleich. So endete jener Ueberfall, hervorgerufen durch unsere unvorsätzliche, unvermeidliche Unachtsamkeit, ein Ueberfall, der unsre Stadt wie einen vom Schlagfluß Betroffenen lähmte, indem man ihr Hände und Füße raubte, alle Einwohner ihre Thatkraft einbüßten, und jenes beispiellose Verfahren, und die drohende Zukunft jedem wie ein schweres Gewicht auf der Brust lag. Uns Beamte, an Zahl 15 Männer, einverleibte man zur Zahl der Straf-Soldaten, und sandte uns gefesselt nach der Kreisstadt, wo man uns in's Zuchthaus sehte. Einige konnten dies nicht aushalten und starben bald darauf im Gefängniß. Man kann sich die jammervolle Lage meiner Familie vorstellen. Mein bejahrtes Weib, welches für mich unbegränzte Ergebenheit und Hochachtung hegte, und mich nach ihren Begriffen für eine unberührbare Person hielt, eine verlobte Tochter, welcher ein künftiges Glück mit ihrem geliebten Freund so hold lächelte, die andere Tochter noch Kind, von den Eltern gepflegt, welche sich vorstellte, daß kein höl^rer und bedeutenderer Mann als ihr Vater in der Welt gefunden werde, weil der Vater seiner Familie allerlei Vergnügen und stille Freuden verschaffte — alles das war fort, wie weggeschwemmt, und in einem Augenblick verloren sie ihr Haupt und ihren Führer. Die ganze Vergangenheit zerrann wie ein Nebel, zerfiel in Scherben. Von mir selbst kann ich euch nichts sagen. Mir kam Alles wie unwirklich, wie ein trauriger,!räum vor; aber