Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3138070-3138071-3138072--0033-3138123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27 Kaum fand man in unsrer Stadt einen Wohlhabenden gegen zwei Hundert Dürftige. Mit jedem Jahre nahm das Elend und die Obdachlosigkeit zu. Dies ward noch besonders gefördert durch die Gewohnheit früher Heirathen an unsern Orten, eine unvernünftige Gewohnheit, welche so unendlichen Schaden anrichtet. Während bei Vermögenden die größere Familie die Zahl arbeitender Kräfte vermehrt und den Wohlstand erhöht, ist sie bei obdachlosen Menschen, die keine nützliche Beschäftigung haben, ein wahrer Fluch. Wenn die frühen Heirathen einerseits, der Ausbreitung des unerlaubten Umgangs junger Leute hemmend entgegenwirken, so bringen sie andererseits eine vorzeitige Altersschwäche hervor, bisweilen sogar bis zur Verzweiflung, weil Mancher zu 30 Jahren schon die zweite Nachkommenschaft zu versorgen hat. Jene Gewohnheit entstand bei den Ebräern aus ihrer vereinsamten Lage in der menschlichen Gesellschaft im Mittelalter, indem sie wünschten, stets in ihren Familien zu leben und in sich selbst Linderung zu finden, weil die Außenwelt sie dem Ebräer damals nicht darbot. Aber jetzt, da neuere Zeiten uns andere Lebensbedingungen auflegen, hat jene Gewohnheit gar keinen Zweck mehr, besonders in unsern Gegenden, wo die Ebräer so gedrückt und beschränkt find. Allein von eingewurzelten Thorheiten abzubringen hält schwer. Wenn ein Verständiger auch wagte, seine Stimme gegen veraltete Sitten zu erheben, welche heutiges Tages offenbare Uebel herbeiführen, so würde die unwissende Menge stets bereit sein, ihn bis in den Tod zu verfolgen. Das Volk bleibt Volk, sowohl ehemals als auch jetzt warf es und wirft es Steine gegen den, welcher ihm wohlthun will. Mit jedem Jahre und jeder Aushebung häufen sich in unsrer Gemeinde die Schulden und Rekruten-Rückstände an. Frühere Aushebungen hatten uns bereits stark erschöpft; viele Familien liefen davon und verschwanden, viele zum Dienst geeignete Männer gingen über die Gränze; es war keine bür-