Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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VI durch die Krankheit meiner Frau, welcher die böhmischen Bäder vorgeschlagen wurden, mit ihr nach Deutschland zu reisen veranlaßt, verweilte ich in Böhmen mehrere Monate. Innerhalb derselben lernte ich hier eine sehr bedeutende Anzahl gebildeter Familien kennen, in deren Kreise ich mich wahrhaft wohl fühlte, und dieser Kreis erweiterte sich täglich durch Besuchende und Badegäste. Bei näherer Erkundigung vernahm ich, daß die meisten derselben Juden seien, und ich bekenne, ich war über diese Erscheinung verwundert. Diese Leute müssen einem ganz andern Stamme angehören! dachte ich. Aber meine Frage nach deren Vaterlande ward dahin beantwortet, es seien Polen aus Rußland und Preußen, darunter auch Oberschlesier, Böhmen und Mähren, also durchschnittlich aus slavischen Gebieten. Woher haben sie denn diese Bildung? Aus den Landesschulen, hieß es, aus dem Leben, aus dem Umgänge und aus eigenem Triebe, sich den Zuständen, die vor 20—30 Jahren hier ziemlich so waren, wie in Polen und Rußland noch jetzt, zu entwinden. — Ich gestehe, das hat meinen Sinn völlig umgeschaffen. Kann ein kurzes Menschenalter solch' eine Umgestaltung bewirken, dann wüßte ich nicht, warum nicht auch bei uns? — Und die Frage, wie und auf welchem Wege diese polnischen Juden sich selbst so zu sagen emancipirt haben, und was zu thun sei, um unsre unglücklichen Juden umzubilden, führt mich zu Ihnen!" Wir hatten dann eine ausführliche Unterredung darüber, und er schied mit den besten Vorsätzen. Was darauf geschehen sei, ist uns unbekannt. Die Thronbesteigung des jetzigen Kaisers darf als der Sonnenaufgang eines heiterern Tages in Rußland bezeichnet werden. Der Geist Alexanders II. hat bereits in den wenigen Jahren, wenn auch die in Aussicht stehenden Reformen noch einer längern Entwickelung bedürfen werden, bevor sie vollendet in's Leben treten, doch schon durch die Kund-