Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 170)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3135693-3135702--1594-3137321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Moderne jüdische Geschichtsschreibung. Wissenschaftlich-objektive Geschichtsschreibung wird von der Menschheits- und Völkergeschichte erstrebt; ein oberster Grundsatz aller neuern Geschichtsschreibung. Allein es gibt keine Historiographie, die nicht gewissen Motiven und Triebkräften entsprungen wäre. Bei aller geschichtlichen Objektivität, die die Historiographen für die eigene sowie fremde Geschichtsschreibung fordern, wohnt doch immer eine gewisse Zweckmässigkeit auch der idealsten Geschichtsschreibung inne. Die Persönlichkeit des Geschichtsschreibers, sein subjektives Denken, Wollen und Streben, oder modern gesprochen, eine gewisse Tendenz, ist es, die seiner Historie das Gepräge aufdrücken. Äussere Zeit- und Kulturströmungen, sowie innere Volksbewegungen und gesellschaftliche Umwandlungen wirtschaftlicher, politischer oder religiös-nationaler Natur sind die treibenden Kräfte, die dem Historiker die Geschichtsfeder in die Hand legen und zur Formung des Zweckes und der Tendenz seiner Geschichte wesentlich beitragen. Die jüdische Geschichtsschreibung in den letzten hundert Jahren kann auf eine Fülle hervorragender Geschichtswerke hinweisen. Wie verschieden sind aber die Tendenzen und Motive der jüdischen Historiographie während dieses Zeitraumes! Man dürfte den Ausspruch wagen: der moderne Begriff „jüdische Geschichte“ ist eine Schöpfung des neunzehnten Jahrhunderts. Allein seien wir nicht hochmütig. Unseren Vätern in den früheren Jahrhunderten, die abseits vom Getriebe der sich entwickelnden