Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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93 — Gewesen. Einen ganz jungen Mann gehabt. Jetzt tot. Die Araber ihn erschlagen. Die schlanke, blonde Slavin mit den dicken Flachszöpfen gab alle diese Antworten in der stillen, ruhigen Naivität eines verirrten, unschuldigen Kindes. Eine stille, offenherzige Unsicherheit zitterte durch ihre weiche, sanfte Stimme, während sie sprach, und aus ihrem halbgeöffneten Munde schimmerten weisse, kleine Zähne. Eine kleine Weile danach sitzen wir schon zusammen unter dem Feigenbaum auf dem Grase. Der Tanz des Jungvolks geht vor unsern Blicken unter den laubprangenden Bäumen immer weiter, als wollte er nie auf hören. Die Sänger am Quell schlagen mit den Händen den Takt dazu und singen orientalische Motive. Sarah Matwejew (so heisst sie) gafft lächelnd; sie summt das Motiv mit und tritt mit dem etwas aufgeschürzten, rot bestrumpften Fuss den Takt dazu. Von Zeit zu Zeit wendet sie den Kopf nach mir um und antwortet kurz auf meine Fragen. Dies fremde Wesen, eine Bäuerin von der Wolga, sie sitzt jetzt in dem Olivenwäldchen in Erez-Israel, in einer fremden Niederlassung, unter einem Himmel, wo ein fremdes Volk erwacht, und ihre Lippen zittern mit bei der Freude einer fremden Hoffnung. — Wer ist sie denn? Was will sie denn hier, diese helle slavische Tochter? Warum hat sie ihre Kornfelder verlassen, und die breite Wolga, über die das Räuberlied von Stenka Rasin schallt? Warum hat sie sich von dem Gott am Kreuz abgewandt, zu dem man an den Abenden läutet, und der an den Pappeln hängt, die die Wege hüten in ihrer Heimat? Ich zeichne die erste Begegnung auf, später erfahre ich näheres.