Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 95)
- Language
- German
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91 den verlassenen Feldern wacht der Frühling jüdischer Hoffnung wieder auf. Wie ergrünt das traurig verwahrloste Kanaan unter den Träumen seiner wiederkehrenden Söhne! Ihre Pflüge wecken aus der toten, dornichten Erde die Schritte alter, verwehter Geschlechter. Schon den dritten Tag bin ich in der Kolonie. Ich spaziere durch ihre Mandel- und Weingärten. Jüdische Hände bearbeiten sie. Wie bei einem fröhlichen Naturfest geht es zu. Von allen Enden der Welt, wo nur Juden zerstreut sind und der Name Zions in heiligem Erzittern ausgesprochen wird — hier sammeln sie sich, wie zur Auferstehung, auf den weiss bestaubten Feldern von Erez-Israel. Ich grüsse sie, wie die Schnitter in Boas Zeiten, Gott segne euch die Zukunft, jüdische Träumer. Sie schwenken dir die Hüte zum Dank oder winken mit den Händen. Jetzt, an dem kleinen Feste treffe ich sie alle beim Tanz. Ich stehe, während die Jugend den Reigen tanzt, weiter ab, an den Stamm eines Feigenbaumes gelehnt, ein Fremder, der nur zuschaut. Ich schaue; etwas weiter ab steht eine junge Frau. Das Gesicht fällt mir seines typisch nichtjüdischen Ausdrucks wegen auf. Die milchweisse Haut überzieht jene gesunde, rötliche Frische, die mich an die hellen Kornfelder des Nordens gemahnt. Um den Kopf liegt das Geflecht dicker Flachszöpfe. Sie ist schlank und fest gebaut. Ihre breiten, vollen Schultern umhüllt ein geblümtes Tuch. Sie steht wie ich unter einem Baum, halb fremd. Mit einer gewissen Schüchternheit, ich möchte sagen, unsicheren Zurückhaltung, betrachtet sie den tanzenden, Kreis. Ein leichtes Lächeln bewegt ihre Lippen, die kaum