Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 79)
- Language
- German
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I Zwischen zwei Meeren liegt das Schicksalland gebettet, zwischen zwei Polen schwingt die Seele seiner Kinder. Der Westler hat etwas vom offenen Horizont des Weltmeeres in sich, von der Weite seiner Wellenzüge und dem fremdartigen Reiz seiner vielfarbigen Küsten. Über der Seele des Ostjuden liegt etwas von der schaurigen Erhabenheit und Enge der Totenmeerlandschaft. Zwischen beiden aber liegt das Land, die Verheissung, das Erbe. Wer es besitzen will, muss seine Segel zurückwenden, zurück aus der lockenden Weite, hinaus aus der dräuenden Enge. Werden sie sich über das Land hinweg die Hände reichen, die Kinder des Westens und die Kinder des Ostens, Israel und Juda? Jahrtausende gingen darüber hinweg, über das Land zweier Meere, das Land der Seen und Berge, das Land der Wunder und der Verheissung. In atemloser Erwartung harrte es der Rückkehr der grossen Verbannten von Ost und West. Aber die Wogen beider Meere warfen nur Schiffbrüchige an seine Ufer, entseelte Körper und abgestorbene Seelen. Nun bringt des Schiffes stolzer Bug wieder lebende Menschen an den hohen Strand des harrenden Landes, Menschen mit Mark in den Knochen und frischem Atem in den Nüstern. Und die Wittib Jeruscholajim erhebt ihr Haupt und blickt von hohem Bergverliess hinab in die Ebene von Saron gegen den silbernen Strand. Hat sich die Zeit erfüllt? Ist der Kelch der ungeheuren Leiden, Leiden unermesslich wie das Meer, schon übervoll? Schlägt die Stunde der Verheissung?