Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 78)
- Language
- German
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Trennungsworte, wie Ostjude und Westjude, sollen die Seelen zerklüften und das Reich Juda aufs neue von einem Reiche Israel trennen.“ Die letzte Nachtwache zieht wie ein verblassender Gedanke dahin und meine Seele irrt noch immer durch die verschwiegenen Gässlein Jeruscholajims. Sie lauscht an den Strassenecken und huscht durch alte Torgänge. Überall geistern die Schatten eherner Jahrtausende. Die Luft ist geschwängert von Geheimnis und Grösse. Jeder Stein ist beseelt und jedes Gräslein wiegt sich im Gebet. Überall ist ein Raunen und Füstern, wie über dahingleitenden Meereswogen. Und die Königin der Städte, die seit Jahrtausenden im grauen Witwenschleier auf heiligen Ruinen kauert, erhebt leise ihr Sternenantlitz, dass ein Wetterleuchten durch meine Seele schauert. Dinge, die keine menschlichen Laute zu nennen wissen, rückt dieses Leuchten mir ins Bewusstsein. Die Seele jedes Juden ist ein Abbild des Heiligen Landes. Zwischen zwei Polen schwebt sie, wie jenes Land zwischen zwei Meeren. Auf einer Seite das grosse Meer des Lebens, in unendliche Weiten hinausrollend, von tausend Masten belebt. Auf der anderen die apokalyptischen Schauer des Toten Meeres, die finsteren Abgründe, der Untergang. Hier die Lockung, aus der Enge des nationalen Seins hinauszusegeln in das Weltbürgertum der Völker, in fremde Lande und Kulturen, in die unendliche Mannigfaltigkeit des buntbewimpelten Welttreibens; dort die Gefahr der Verknöcherung, der geistigen Verarmung, des Unterganges in starrem Sondersein.