Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 246)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lebensrettung. Die zwei ersten Vorsteher meiner Gemeinde und ich, wir waren auf vormittags 11 Uhr zum Premierminister beschieden, um demselben eine wichtige Angelegenheit vorzutragen. Da die Residenz vermittelst des Schnellzuges in einer Stunde zu erreichen ist, so hatten wir beschlossen, um 8 Uhr 45 Minuten gemeinsam die Reise anzutreten. Um 7 Uhr war der Morgengottesdienst beendet; ich hatte gefrühstückt, Toilette gemacht und war eben im Begriff, langsam dem Bahnhofe zuzuwandern, als ich im Vorzimmer streitende Stimmen vernahm. „Ich muss den Herrn Rabbiner sprechen!“ rief es ängstlich draussen. „Sie dürfen meinen Mann nicht aufhalten!“ hörte ich die Stimme meiner Frau entgegnen. „Er ist im Begriffe zu verreisen; kommen Sie morgen wieder!“ „Haha, kommen Sie morgen wieder! Sagt man: kommen Sie morgen wieder, wenn ein Menschenleben zu retten ist? Ja, ja, ein Menschenleben steht auf dem Spiele.“ Kaum hatte ich die letzten Worte vernommen, als ich auch schon die Türe öffnete, um den Fremden hereinzulassen. Als derselbe mich erblickt, ruft er mit wahrhafter Seelenangst: „Herr Doktor, seien Sie mazzil Nefesch, retten Sie ein bedrohtes Menschenleben!“ „Gewiss,“ entgegnete ich, „wenn es in meiner Macht steht — an mir soll es nicht fehlen.“