Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 207)
- Language
- German
- Belongs to
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201 funden. Dort liegt Dyhernfurth, 29 Kilometer von Breslau, Schlesien^ Hauptstadt, entfernt. Schlesiens Hauptfluss, die Oder, schlängelt sich wie ein Silberband an dem im Frühling und Sommer in Grün gebetteten Örtchen vorüber. Es hat nicht mehr als 1300 Einwohner, von denen wohl niemand mehr unserer Volksgemeinschaft angehört. Und doch fällt uns, wenn wir den Ort betreten, ein prächtiger Synagogenbau auf, den ein ovaler Turm mit einer grossenWetterfahne schmückt, die in hebräischen Lettern die jüdische Jahreszahl der Erbauung des Tempels angibt. Neben der Synagoge befindet sich ein sechsfenstriges Sandsteingebäude, auf dessen Wand schwarz gefärbt ebenfalls die Jahreszahl der Erbauung angegeben wird. Dieses Gebäude war das Schulhaus der jüdischen Gemeinde und enthielt das Frauenbad. Beide Baulichkeiten umschliesst ein eingezäumter grosser Garten. Nebenan und gegenüber stehen zwei Häuser, die nun in anderen Besitz übergegangen sind, früher aber auch der Gemeinde gehörten und die Beamtenwohnhäuser waren. In dem einen befand sich auch die Mazzothbäckerei. Sämtliche Gebäude liegen an einer Strasse, die jetzt Feldstrasse heisst, früher aber Judengasse hiess; denn fast sämtliche Häuser der Gasse waren in jüdischem Besitz und wurden von Juden bewohnt. Das ist schon lange her und wenn die Häuser und die Synagogen und die noch im Oraun Hakaudesch stehenden Sifre Tauroh reden könnten, würden sie von einem regen jüdischen Gemeinde- und Geistesleben erzählen können. Gelehrte Rabbiner haben da gewirkt, und viele Hundert Schüler haben zeitweilig zu ihren Füssen gesessen, um aus dem Quell der jüdischen Gelehrsamkeit zu schöpfen und sich von dem Licht der Thora im weitesten Sinne bestrahlen zu lassen und an ihm zu erwärmen. Damals, es sind 100—150 Jahre seitdem verflossen, zählte der Ort auch nicht mehr Einwohner als jetzt, aber die Hälfte davon waren Juden.