Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 153)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Kästchen. Es war einmal ein kleiner Knabe. Ihm wurde ein Kästchen geschenkt, ein kleines Kästchen, fein geschnitzt und verziert. Es konnte mit einem Schlüssel geöffnet und geschlossen werden. Inwendig lag ein niedliches Spielzeug, an welchem alle Kinder Freude haben würden. Aber unser Knabe nahm das Spielzeug heraus und sagte: ,,Das Kästchen ist viel zu schön für dieses Ding“. Der Knabe pflegte wenig zu sprechen, und als man ihn frug, was er denn in das Kästchen legen wolle, erwiderte er kurz: „Ich weiss es noch nicht“. Und er verschloss es sorgfältig und legte es in eine eigens für es freigemachte Ecke seines Zimmers. Die ganze Nacht wich der Schlaf von seinen Augen. „Was lege ich wohl in das Kästchen?“—dachte er: „Ich habe nichts, was seiner würdig wäre. Ach, wenn ich doch dies, wenn ich nur jenes hätte!“ Er dachte an die schönsten Dinge, die kostbarsten Kleinodien, die der kindlichen Einbildung zugänglich waren. Doch das schönste, was er für das Kästchen herbeisehnte, blieb immer Traum und gelangte nie in seinen Besitz. Und so blieb es immer leer. Und als sich seine Spielfreunde über ihn und über seine Sorge um das Kästchen lustig machten, da versteckte er es vor den Augen der Menschen, und niemand ausser ihm sah es während vieler Jahre. Und der Knabe wuchs heran und wurde ein Jüngling. Als er auf seinem Lebensweg einem schönen Mädchen begegnete, welches sein Herz gewann, schrieb er ihm einen Brief voller Liebessehnsucht und dachte: „Was immer die Schöne mir antworten wird, ihren Brief werde ich in