Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 127)
- Language
- German
- Belongs to
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125 wir es nicht in seiner äusseren poetisch-ästhetischen Anziehungskraft vermuten, werden wir es um so sicherer in seinem Inhalte finden. Dieses philosophische „Als — ob“-System ist weder eine Modephilosophie, die durch schillernde Sprache und sprühenden Geist weite Kreise lockt, noch Fachphilosophie, die durch tiefes Schürfen, schlüssiges Beweisen bei der eng begrenzten Zunft sich Lorbeeren holen muss, sondern das „Als — ob“ ist ein Denkwerkzeug, eine Art Hebekran für den Intellekt, ein Gedankenelevator. Es dient dazu, tiefliegende Gedanken zu heben und sie ans Licht zu bringen. — Jeder braucht dieses Werkzeug. Der Forscher orientiert hieran seine Forschung. Der Mann von Bildung und Gedanken richtet hiernach seine Gedankenwelt ein. — Wir Juden gemessen ja den Vorzug, von Freund und Feind als Gedankenmenschen gepriesen und gescholten belobt und getadelt zu werden. Vielleicht ist etwas Wahres hieran. Tatsache ist, dass demjenigen, dem das jüdische Schrifttum und die Forschungsmethode der Talmudlehrer in ihren Grundtiefen bekannt ist, das „Als — ob“ als Gedankenwerkzeug und als Forschungsmethode nicht unbekannt sein kann. Die Gelehrten des Talmud, und besonders die philosophisch geschulten, wandten die „Als — ob“-Methode bei ihrer Durchforschung der Bibel und speziell an denjenigen Partien derselben an, die seichte Oberflächlichkeit unserer Zeit einfach mit der billigen Bemerkung: Mystik oder gar Mythos abtun zu können glaubt. — Noch mehr! Das „Als — ob“ als Forschungsmethode war den Alten so in Blut und Fleisch übergegangen, dass sie ihre eigenen tiefen Gedanken in einer Form niedergelegt haben, die wieder nur der Gedankenelevator „Als — ob“ zu heben imstande ist.