Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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Jerusalem ist gefallen. I Als ich die Strasse betrat, heulte es eine Zeitung j mir ins Ohr: Jerusalem ist gefallen! . . . Oft habe ich I den Ruf gehört: Blut spie mir Nebukadnezar in die Seele, I als er mich nach Babylon führte, das Herz riss mir der | Römer weg, als er Feuer in den Tempel warf, und nun, I nicht vernarbt noch ist die Wunde meiner Niederlage, | schreit mich Vertriebenen ein Camelot wieder zu Boden: | Jerusalem ist gefallen. I ... Nein! ... nein! Ihr lügt! Es ist eine niederträch- S tige hirnverbrannte Lüge! Kein grausiger Nebukadnezar, kein goldringklirrender Römer, kein Engländer, kein 1 Deutscher, kein geschundener Türke, kein Mensch I kann machen, dass Jerusalem fällt, das Jerusalem meines I Blutes und meiner himmelschreienden Liebe. 0 ihr I wisst nicht was es ist, ihr könnt es nicht wissen, denn ihr habt es nicht erlebt, euer Fühlen könnte es gar nicht fassen; nicht reisst euch der Gedanke hoch, aufschreiend in wahnwitziger Lust zu küssen die Mauern der Heiligsten über die Meere hinweg und über die Zeiten und 1 Gezeiten der Historie. Gassen, Strassen, Plätze, Menschen, Sonne, Rufe, Leben: wie in irgendeiner Stadt. Irgendeine Stadt aber ist schal, nichts, lächerliches Nichts gegen dieses Jerusalem, gegen dieses ewige Loblied dem Herrn. Aufbrausend, unterirdischen Stöhnens voll sind seine nächtlichen Gassen, verklungene Rufe brechen allnächtlich auf, wie blutige Narben, Karawanen schaukeln lautlos in die Tiefe der Tore. Still ... ich sehe wieder . . . Visionen