Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 249)
- Language
- German
- Belongs to
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239 „Herr,“ sprach er laut weinend, „ich kenne Euch nicht, ich sehe Euch in dieser schrecklichen Stunde zum ersten Male; aber Euer Gewand sagt mir, dass Ihr der Oberrichter jenes schrecklichen Tribunals seid. O, .gnädiger Herr, habt Erbarmen — nicht mit mir, sondern mit meinem Weibe, mit meinem Kinde, mit diesem alten, treuen Diener und dem fremden Manne, der Schutz gesucht unter meinem Obdach. Ich weiss, Ihr könnt uns nicht alle retten. Eure Pflicht, Euer Amt erheischt ein Opfer. So lasst mich allein dieses Opfer sein; sagt, Ihr hättet nur mich schuldig befunden. O, ich bin reich, Herr! Ich werde Euch meine ganze Habe geben, Silber und Gold und Edelsteine, die tief vergraben sind, und die Ihr nimmer finden würdet, wenn ich sie Euch nicht zeigte. O, habt Erbarmen und überliefert mich allein dem Scheiterhaufen.“ „Nicht doch, hochwürdiger Herr, nicht doch,“ rief Donna Maria jetzt, „verschonet auch meinen Gatten, oder lasst mich mit ihm sterben!“ Da trat Perez vor und sprach: „O, gnädigster Herr, wenn denn ein Opfer fallen muss, so lasst es mich sein; ich stehe allein in der Welt, ein armer Flüchtling; ich habe nicht Vater und Mutter, die um mich trauern würden, nicht Gattin, nicht Kind. Gern und freudig werde ich in den Tod gehen für diese edle Familie, die mir so grossmütig Gastfreundschaft gewährt hat!“ Und auch Speranza warf sich dem Priester zu Füssen und bat, er möge sie sterben lassen und der Eltern schonen. Der alte Alonzo war keines Wortes mächtig. Stumm drängte er sich vor und deutete auf seine Brust, wie wenn er sagen wollte, auch er sei bereit, sich für die anderen zu opfern. Erwartungsvoll hing jedes Auge an dem Munde des Priesters.