Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 239)
- Language
- German
- Belongs to
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229 Ein wilder, weher Schrei dröhnt durch die Stube. Der Rabbi wirft sich über seine Söhne: „Oh meine Kinder, meine teuren Kinder! Licht meiner Augen, Wonne meines Lebens! Mein Licht erloschen, meine Wonne tot!“-- Und laut aufschluchzend rauft er seine Haare... Da legt sein Weib die Hand auf seine Schulter Und spricht: „Steh auf! Sprachst du nicht selbst soeben: Was dir vertraut ist, das ist heilig Gut, Du musst es seinem Herrn wiedergeben?“... Der Rabbi richtet langsam sich empor Und schaut sie an. Durch dunkle Tränenschleier Blickt sie in seine Augen. Alle Güte Und alle Treue liegt in diesen Blicken Und jedes Glück und jeder Schmerz der Liebe. Und lange sahen sie sich schweigend an. Dann ruft der Rabbi aus: „Du jüdisch Weib! Du Weib der Kraft, der Grösse und der Liebe! Der dich mir gab, der sei gebenedeit! Wem solch ein Weib ward, der ist reich gesegnet: Ihm ist ein Trost in jedem Herzeleid, Ihn schreckt nicht Armut, schreckt nicht Not, nicht Tod, Er fürchtet nicht der Hasser Kriegsgeschrei, Ihn schreckt kein Schwert, ihn schrecken keine Flammen!“ Dann weinten sie noch lange still mitsammen. Bertold Feiwel.