Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 220)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3135693-3135698--1050-3136775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 und Brabant flammten und prasselten die Scheiterhaufen, und am Rhein, am liedergefeierten deutschen Rhein, peitschte das Blutmärchen die Instinkte des Pöbels zu Greueltaten auf, vor denen Israel-Baal-Schem schaudernd sein Antlitz verhüllte. Und als sie sich weiter gen Osten wandten, wateten sie mit einem Male durch ein solches Meer von Blut und Tränen, dass Israel-Baal-Schem aufschrie vor Schmerz und alle Himmel erbebten. „Herr der Heerscharen,“ rief der Rabbi, „was hat dieses arme Volk verschuldet, dass der blutige Tau ewiglich seine Stirn netzt?“ Und er fiel auf sein Angesicht und harrte schluchzend der Antwort. Aber Minute um Minute verrann und nichts rührte sich in den Höhen. Endlich nach langem qualvollem Warten sah er denselben Engel, der ihn geführt hatte, wieder auf sich zuschreiten, der trug ein golden Ding in seiner Hand. Und sieh! es war eine güldene Fiedel. Eine Stimme aber rief aus den Höhen: „Israel, mein Sohn, lasse mich ein Lied hören!“ Der Rabbi mühte und mühte sich vergebens; er konnte keinen Ton der Fiedel entlocken, denn die Saiten hingen schlaff und der Bogen war entspannt. „Sieh, mein Sohn,“ hörte er wieder die Stimme über sich, „wenn du in diesem toten Instrument die Seele erwecken willst, auf dass sie hochzeitlich aufklinge, musst du zunächst seine Saiten spannen, auf die Folter spannen, und mit dem scharfen Bogen darüber fahren, bis du die klingenden Welten erweckst, die unsichtbar in seinen Tiefen verzaubert liegen. Sieh, mein Sohn, hierin liegt zugleich die Antwort auf deine Frage: meine Fiedel, das Instrument, auf dem ich in der Ewigkeit der Zeiten das gewaltige Lied der Menschheit aufspiele, — es ist das Volk Israel!“