Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 147)
- Language
- German
- Belongs to
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144 uns glücklich schätzen, in diesen Aufzeichnungen der Künstler auch deshalb der Empfindungswelt jener Zeiten uns nähern zu können, da wir hier vor Schöpfungen stehen, die in der Stille der Werkstatt, ganz aus der seelischen Stimmung ihrer Meister entstanden, fernab von fremden Wünschen, wie sie bei Ölbildern z. B. oft durch den Einfluss des Bestellers in die Erscheinung traten. Psychologisch betrachtet, darf man nicht ausser acht lassen, dass die Technik der graphischen Kunst in sich selbst den Keim zu reflektierendem Schaffen birgt. Das Bewustsein des Künstlers, dass jeder auf der Platte erzeugte Strich unabänderlich für alle Zeit feststeht, erhöht in ihm das Verantwortungsgefühl. Dies gilt in erster Linie vom Kupferstich und der Radierung, während beim Holzschnitt der Künstler sich oft auf das Vorschneiden der Kontur beschränkt, die Details geschickten Gehilfen überlassend. Und wiederum ist es das Vorrecht der graphischen Darstellungen, in grosser Zahl in alle Schichten der Bevölkerung zu dringen und dort still aber unaufhaltsam die Ideen ihrer Erzeuger zu verbreiten. Die Reklamemarke und unsere Plakatkunst haben hier ihre Voreltern zu suchen und haben wir es heute dabei um die Propagierung merkantiler Interessen zu tun, so brauche ich wohl nur an Hogart zu erinnern, der im 18. Jahrhundert in England in grosser Zahl seine graphischen Arbeiten — ganze Folgen von Blättern — (»Der Wüstling«, »Heirat nach der Mode«, »Aus dem Leben einer Dirne«) — zur Hebung der Sittlichkeit gratis an die Menge verteilte, um festzustellen, dass die Künstler bei ihrer Arbeit auch auf ideelle Wirkungen abzielten. Wenn ich auch hierin nach Hogarts Methode des Moralisten niemals eine Aufgabe der Kunst erblicken kann, so ist es doch ebenso gewiss, dass die Massen dem Einfluss bildhafter Darstellungen in den hier zu behandelnden Zeiten in umso höherem Grade unterworfen waren, als die Kenntnis des Lesens noch ein Privileg Vereinzelter bildete. Zusammenfassend darf wohl gesagt werden, dass uns die Ver-