Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 133)
- Language
- German
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130 Und in den grossen jüdischen, osteuropäischen Zentren findet noch heute jede Streitigkeit unter Juden ihre Schlichtung nach jüdischem Rechte. Die Judenheit ist also auch heute noch ein nach eigenen Gesetzen lebender Organismus, dem jedoch seine Rechte, wie dem historischen Sklaven, vorenthalten werden. Allein die Anerkennung dieser ist nicht das Endziel der jüdischen Hoffnungen und Wünsche. Einen jüdischen Staat, wo wir unsere Kräfte werden frei entfalten und regenerieren können, eine jüdische Atmosphäre, wo man jüdisch weint und singt, ein jüdisches Territorium, wo wir unserer Mission (schüttelt nicht die Köpfe und zuckt nicht die Achseln ihr Nurnationalisten. Die jüdische Mission ist ein nicht vergleichbares Faktum. Wer daran nicht glaubt, hat kein volles Recht auf Erlösung) werden leben können, wollen wir. Jüdische Luft wollen wir atmen. Nun scheint es, dass das zweitausendjährige Sinnen und Trachten, Hoffen und Sehnen, jetzt Wirklichkeit werden soll. Nach den letzten Zuckungen des europäischen Götzen wird sich das Getöse legen, und im leisen Säuseln des Friedenswindes wird der Erlöser kommen .... Eine theoretische Betrachtung über den jüdischen Staatszweck ist daher nicht unzeitgemäss. Ist das menschliche Individium schon um seiner Wesenheit willen, Rechtssubjekt, d. h. Träger von Rechten, die ihm die Natur sozusagen als erstes Wiegegeschenk verleiht; verbürgt schon allein die Daseinstatsache ihm Rechtspersönlichkeit, gleichviel ob er als Idiot oder als vernünftiges Wesen auf die Welt kommt, so ist dies beim Staate nicht der Fall. Die Existenz des Staates schlechthin und seine Rechtssubjektivität sind von dem Zwecke bedingt, dessen Verwirklichung er sich zur Aufgabe gemacht hat. Die Staatswesenheit vom Zwecke losgetrennt zu denken, ist nicht gut möglich. Bildlich gesprochen, kann man den Zweck als die