Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 91)
- Language
- German
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89 dem Weisheitspender begnadet worden ist. „Öffne mir meine Augen, und ich werde Wunderbares in Deiner Lehre erblicken.“1) Diese Erscheinung, dass die nach jüdischer Wissenschaft Suchenden, mögen sie von rechts oder links kommen, auf geschlossene Türen stossen, hat ihren Grund in der ihr eigenen Struktur, welche von derjenigen völlig abweicht, die der modernen Literatur charakteristisch ist. Um sie zu verstehen, bedarf es eines tätigen Lesers, der weise ist und selbständig denkt, oder der Kenntnis der jüdischen Religionsphilosophie, welche von der jüdischen Weisheit verschieden, zwischen dieser und der modernen Literatur vermittelt. Jüdische Philosophie bedeutet Synthese, nämlich die Synthese eines jüdischen mit einem griechischen Gedanken, auf direktem Wege oder durch Vermittlung der Völker, denen sich die griechische Philosophie angepasst und deren Form sie angenommen hat. Denn die Sprache der jüdischen Philosophie ist meistens Fremdsprache, und jedenfalls ist ihre Terminologie andern Völkern entlehnt. Zeugt doch schon das Wort „P i 1 u s u f i a“ selbst, der hebräische Ausdruck für Philosophie, für deren griechischen Ursprung, worauf die Thossaphisten bereits hinweisen.2) Die jüdische Religionsphilosophie, als Interpretation der Bücher der Prophetie, wird von der allgemeinen Philosophie beeinflusst und übt auf jene einen Einfluss aus, wie dies der Vater der Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, Nachman Krochmal, betont: Es ist für uns ein sehr wichtiger Grundsatz, zu suchen nach den An- 9 Siehe Maimonides, Kommentar zur Mischna, Sanhédrin, Perek Chelek Grundsatz VIII., und Nachmanides, Derascha, Torath Haschern Temiina ed. Jellinek. 2) Sabbath 116 a s. von „Pilusufus“; siehe Erklärung der philosophischen Lehnwörter von Ibn Tibbon zu More Nebuchim und Vorbemerkung zur Erklärung der Lehnwörter von R. Israel Kitower in seinem Kommentar zu Emunoth we Hadeoth.