Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 64)
- Language
- German
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63 I der ärgsten abtrünnigen Schüler war der verstorbene Dr. R. in A. (Ungarn), der sogar Mischehen ״einsegnete“. Als der Rabbi begraben wurde, erkannte ein alter Bekannter Dr. R. im Trauerzuge. Wie? Sie sind hier? fragte er ihn erstaunt, und jener antwortete: ״Bitte verraten Sie mich nicht; ich weiss wohl, dass ich nicht würdig bin, mich einen Schüler des Rabbi zu nennen. Ich gehe auch nicht ins Trauerhaus und schreibe mich nicht in die Listen ein. Aber als ich im Pester Lloyd die Depesche vom Tode des Rabbi las, da litt es mich nicht daheim. Da zog es mich her wie mit magnetischer Gewalt, ich musste diesem Manne die letzte Ehre erweisen. Auch aus meinem Leben möchte ich ein Beispiel anführen, aus welchem zu ersehen ist, welche Autorität der Rabbi bei seinen Schülern besass. In den ersten )ahren meiner Wirksamkeit fehlte es nicht an Reformbestrebungen in meiner Gemeinde, die mir schweren Kummer und grosse Sorgen bereiteten. Einmal hatte der Gemeinderat einen Beschluss gefasst, der meinen religiösen Grund- Sätzen zuwiderlief. Unser Gemeindepräsident, der mir sonst in religiösen Dingen zur Seite stand, war von Basel abwesend, und die Entscheidung drängte. Da schrieb ich einen Eilbrief an den Rabbi, setzte ihm alles klar auseinander und sagte zuletzt: ״Ich bitte Sie, verehrter Rabbi, nicht um eine Erlaubnis, auch nicht um ein Verbot, zumal ich weiss, dass nur sachliche und nicht persönliche Gründe Ihre Entscheidung beeinflussen. Nur um eins bitte ich Sie im Hinblick auf meine oft bewährte Treue: um eine klare Antwort, die mir zeigt, was ich zu tun habe. Ich erwarte also morgen eine Depesche von Ihnen. ״Ja“ soll heissen, dem Willen der Gemeinde nachgeben, ״Nein“ soll bedeuten, auf meinem Standpunkt beharren und das hiesige Rabbinat aufgeben. Der Rabbi telegraphierte am nächsten Tage ״Ja“, gab mir geeignete Ratschläge und tröstete mich mit der Versicherung, dass für mich noch Tage fried-