Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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62 war, veranlasste, ihn in einer öffentlichen Erklärung im ״Israelit“ zu desavouieren. Der Betreffende stand damals als Rabbiner an der Spitze einer grossen Gemeinde und war vom Rabbi vollkommen unabhängig. Unter andern Umständen durfte man erwarten, dass er eine Klage wegen Ehrbeleidigung gegen ihn anstrengen würde. Aber das Verhältnis des Rabbi zu seinen Schülern war eben ein anderes. Als jener Rabbiner die gegen ihn gerichtete Erklärung im ״Israelit“ las, kam er schon am nächsten Tage nach Berlin, um den Rabbi um Verzeihung zu bitten. An der Türe zu seinem Studierzimmer blieb er stehen und fing an bitterlich zu weinen, und sagte zu der Gattin des Rabbi, der ich diesen Bericht verdanke: Er habe beim Tode seiner Eltern nicht so geweint, denn es tue ihm zu wehe, den Rabbi, dem er so viel verdanke, erzürnt zu haben. Im Jahre 1884 fand in Berlin eine Rabbiner-Versammlung statt, an welcher der Rabbi und seine Freunde nicht teilnahmen. Ein ehemaliger Schüler des Rabbi hatte den Aufruf zum Besuche der Rabbiner-Versammlung unterschrieben. Er entschuldigte sich deshalb beim Rabbi, betonte aber, dass er nunmehr, nachdem er selbst zu der Tagung eingeladen habe, derselben nicht fern bleiben könne. Zu jener Zeit schrieb ich hie und da Briefe für den Rabbi, welcher die Fähigkeit hatte, zu gleicher Zeit selbst schreiben und diktieren zu können. Damals musste ich im Namen des Rabbi jenem Rabbiner einen Brief schreiben, in welchem er ihn entschieden ersuchte, sich an der Versammlung nicht zu beteiligen. Am Tage darauf traf ich einen Herrn, der für die auswärtigen Rabbiner die Wohnungen zu besorgen hatte, und dieser teilte mir mit, was mich natürlich nicht in Erstaunen setzte, der betreffende Rabbiner habe soeben telegraphiert, er sei verhindert, nach Berlin zu kommen. Natürlich gab es unter so vielen Schülern des Rabbi auch solche, die ihrem Lehrer untreu geworden sind. Einer