Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3135693-3135698--0883-3136608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
52 Seit dem Tode seiner Gattin kränkelte der Rabbi. Ihr! Verlust war der grösste Schmerz seines Lebens, den er j nicht verwinden konnte. Am 4. Tamus 5659 (1899) starb der Rabbi, umgeben von seinen Freunden und j Schülern. Diejenigen, die bei seinem Tode anwesend j waren, hatten die Empfindung: Er hat wie ein Heiliger ] gelebt, wie ein Heiliger ist er gestorben. Kein Leidenszug } trübte sein von seligem Frieden verklärtes Antlitz. Zu j seiner Beerdigung waren Tausende und Abertausende aus j der Nähe und Ferne herbeigeeilt. Noch nie war ein Jude! in Berlin unter so imposanter Beteiligung und unter so erj greifenden Bekundungen einmütigen Schmerzes zur letzten j Ruhestätte geleitet worden. Jeder empfand es: Einer der ] edelsten Menschen, eine der herrlichsten Idealgestalten j unseres Volkes, ein Grosser, ein Fürst in Israel war nach j vollbrachter Lebensarbeit aus der Welt geschieden. j Wenn ich nun anschliessend an den Bericht von der j Wirksamkeit meines verehrten Lehrers einige persönliche j Züge seinem Lebensbilde hinzufügen möchte, so weiss ich nicht recht, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll,; denn ich sehe ihn auch heute noch als eine geschlossene, \ einzigartige Persönlichkeit vor mir, als eine Gestalt, j in der es nichts Unausgeglichenes, Widerspruchsvolles, ] Brüchiges gab, die vielmehr gehämmert war wie aus j einem Guss. ] Wenn der König David die Worte spricht: חשבתי דרכי j ואשיבה רגלי אל עדותיך Ich überdachte meine Wege und \ fühfte meine Füsse zu deinen Zeugnissen, so wollte er gei wiss damit nicht sagen, dass er stets nur einen Weg, den | Gang ins Gotteshaus, gekannt habe, vielmehr wollte er | dem Gedanken Ausdruck geben, dass für ihn auch seine Staatsgeschäfte, seine ganze Tätigkeit als Mensch und