Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 23)
- Language
- German
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23 von Juden, die kein anderes Verbrechen begangen haben, als sich ohne Einschränkung zum jüdischen Volke zu bekennen, werden unter den schändlichsten Qualen zu Tode gehetzt, Tausende von jüdischen Existenzen ruiniert. Nicht nur gegen diejenigen, die tierisch dem Blutdurst und der Raublust fröhnen, richtet sich die Anklage der jüdischen Nation. Auch jene zeiht sie der Mitschuld, welche die Leidenschaften skrupellos aufgewühlt haben, und alle zivilisierten Völker der Erde klagt sie an, weil ihre Ohren stets verschlossen waren und ihre Herzen abgestumpft sind gegen Judennot und Judengreuel. Aber heute befinden wir uns ja, wie man sagt, im Morgenrot einer neuen Zeit. Die alte Welt, der es schon fast selbstverständlich erschien, dass die Juden nicht frei und würdig leben dürfen, ist zusammengestürzt. Die Finsternis des Zarenreiches hat ein helles Leuchten durchzuckt; mächtige Reiche sind ins Wanken geraten, die festesten Throne sind gestürzt. Freiheit, Gleichheit, die Völkerverbrüderung, erhabene Ideale, für welche die eine Mächtegruppe den Kampf zu führen behauptete, sollen nun sieggekrönt über den Ruinen des Weltkrieges schweben. Fast hat es den Anschein, als ob das grausamste Stück der alten Zeit, der Judenhass, sich unverändert in die neue Zeit hinübergerettet hat! Alle verkündeten Ideale würden sich als leere Phrasen erweisen, wenn der Bund der Völker Halt machen würde vor dem jüdischen Volke, wenn die Freiheit, die allen kleinen Völkern verheissen wurde, dem ältesten Kulturvolke vorenthalten würde, dem Volke, dem alle Völker erst die Begriffe von Freiheit, Gleichheit und Völkerverbrüderung verdanken. Es sind daher keine Bittschriften, die das jüdische Volk an die Machthaber von heute richtet, sondern wohlbegründete Forderungen, welche durch Vermittlung der in den jüdischen Zentren des Ostens aus direkter Wahl hervorgegangenen jüdischen Natio-