Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 252)
- Language
- German
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Doch sieh*, die weibischen Bande sind erschlagen. Wer hat hier Zeit, nach seinem Schmerz zu fragen Fremd wogt um ihn das bunte Marktgewühl, Hier kauft man alles — nur kein Mitgefühl; Der gold'ne Schlüssel schliesst die Herzen nicht, Fremd jedfcr Ton, fremd jedes Angesicht, Und in der grossen Welt, die ganz nun sein, Steht er am Ziele jetzt — fremd und allein. Er blickt empor mit schmerzlichem Verlangen; Da fühlt er plötzlich seine Hand erfasst. Der alte Nathan ist ihm nachgegangen Und spricht: Wenn du’s von mir erfahren hast, So tut mir's leid, geschehen ist gescheht, Und was von Gott kommt, soll man ruhig tragen. Ich geh’ zur Schul' jetzt, willst du mit mir gehn, So kannst du deiner Mutter Kadisch sagen. Durch enge Gassen wandeln stumm die Zwei Und treten schweigend in des Tempels Pforten. Da murmelt's leise von Gebetesworten, Da summt’s in altbekannter Melodei; Da füllen sich um Benjamin die Räume Mit Bildern halbvergess’ner Jugendträume, Er lauscht der Sprache, die dem Kind geklungen* In der, wenn er die Sabbathnacht begrüsst, Sein frommer Vater Psalmen einst gesungen, In der die Mutter segnend ihn geküsst. Und wie er hin tritt zu dem heil’gen Schrein, Um der Verklärten an des Altar’s Stufen Den letzten Gruss der Liebe nachzurufen, Und tönend stimmet die Gemeinde ein — Da überkommt’s ihn wie in frühem Tagen, Er sieht die Mutter festlich weiss geschmückt, Er sieht sie gegen Osten fromm gebückt,