Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1918-01-01 · 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918) · p. Seite 227

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
Issue
3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 227 (sequence 228)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3135693-3135700--0731-3136455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

227 „Und wenn du drei Geschenke hinaufgebracht hast, so kannst du sicher sein, dass sich vor dir die Tore des Paradieses auftun . . . Die Gerechten werden es für dich erwirken . . . Und am Throne der Göttlichen Majestät zieht man die Seelen, die sich das Paradies erkämpft haben, solchen Seelen vor, die schon als Gerechte auf die Welt gekommen sind . . Und mit diesen Worten schiebt der Gerichtsdiener die Seele sanft und mitleidsvoll zur Himmelstüre hinaus. Nun schwebt die arme Seele ganz tief über der lebendigen Welt und sucht Geschenke für die Gerechten im Paradiese. Und sie fliegt über Dörfern und Städten und allen Orten, wo nur Menschen wohnen. Sie fliegt in der sengenden Glut zwischen den Sonnenstrahlen, und in der Regenzeit — zwischen den Regentropfen; im Herbst — zwischen den silbernen Herbstfäden, und im Winter zwischen den Schneeflocken, die langsam niederfallen ... Und sie schaut, und schaut sich die Augen aus . . . Und wo sie einem Juden begegnet, eilt sie auf ihn zu und blickt ihm in die Augen: ob er nicht gerade im Begriff ist, einen Märtyrertod zu erleiden und damit den Namen des höchsten Gottes zu heiligen. Und wo des Nachts aus einem Spalt im Fenster, laden ein Lichtstrahl dringt, so ist auch die Seele gleich da und schaut hinein, ob in der stillen Stube nicht Gottes duftende Blumen, verborgene gute Werke blühen. Doch fast immer prallt sie vor den Fenstern wie vor den Augen zurück, erschrocken und zitternd . . . Und es vergehen Jahre, und Geschlechter lösen einander ab, und die Seele verfällt allmählich in tiefsten Trübsinn. Aus den Städten sind inzwischen Friedhöfe geworden und aus den Friedhöfen Acker; Wälder sind vom Boden verschwunden, und die Steine am Wasser sind zu Sand zerfallen. Ströme haben ihr Bett gewechselt, Tausende Sterne sind vom Himmel gefallen, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.