Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 189)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3135693-3135700--0692-3136416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 Der erste Eindruck, den das Spital auf mich machte, als ich es im August letzten Jahres sah, war ein recht angenehmer. Jedermann wird mir wohl zugeben müssen, dass nicht nur seine Lage eine überaus günstige ist, sondern auch, dass es sich als ein idyllisches Heim präsentiert, als ein Schmuck der Basler- und Schweizer- Judenheit. Weniger angenehm war mein erster Empfang daselbst. Als ich nämlich an der Glocke läutete, erschien an der Türe eine mir bis dahin unbekannte Krankenschwester, die auf mein Befragen, ob der Aristaltsarzt heute schon Visite gemacht habe, einfach kurzweg erklärte: „Heute kommt der Herr Doktor nicht!“ Als ich ihr zu verstehen gab, dass ich wahrscheinlich demnächst als Assistent eintreten werde, hiess sie mich im Arztzimmer Platz nehmen mit dem freundlichen Bemerken: „Der Herr Doktor kommt um 11 Uhr.“ — Und wirklich kam denn auch pünktlich um 11 Uhr der Arzt angefahren. Sein Auftreten sagte mir, dass ich es mit einem liebenswürdigen Herrn zu tun habe, dessen sicheres, zielbewusstes Handeln Vertrauen erwecken musste. Gleich die erste klinische Visite, die ich gemeinsam mit dem Arzte machte, nahm mir die Zweifel, ob ich wohl recht getan habe, mich aus dem bunten Getriebe der Sauerbruch’schen Klinik, wo ich noch kürzlich tätig gewesen war, an ein relativ so kleines Spital zu melden. Vollständig verscheucht wurden aber die Zweifel, als mir der Arzt das zwar kleine, aber doch praktisch eingerichtete Laboratorium zeigte und dabei sagte, ich werde wohl wissen,* dass nicht immer die grossen Anstalten und Einrichtungen es seien, die Erfolge aufzuweisen hätten und dass ich nur an Robert Koch beispielsweise denken solle, der das Fundament zu seinen für die Menschheit so fruchtbringenden Forschungen in einem Dorfe legte, wo er als Arzt tätig war, in welchem nur ein kleines Zimmer für seine genialen Untersuchungen zur Verfügung stand.