Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 182)
- Language
- German
- Belongs to
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181 die Fahrt; in einem kleinen, unscheinbaren „Bahnhöfli“ hiess es aussteigen. Der Zug war in Jerusalem, dem ZieL meiner Sehnsucht, angelangt. Was ich fühlte und was ein jeder, der die heilige Stadt zum ersten Mal betritt, empfindet, das lässt sich nicht in Worten ausdrücken. — Einige Herren erwarteten mich am Bahnhof. Herr A. trat auf mich zu, begrüsste mich freundlich und sagte ungefähr Folgendes: „Sie machen sich keinen Begriff davon, wie sehnsüchtig die hiesige Bevölkerung auf Sie wartet. Ein längst gehegter Wunsch, für die arme jüdische Bevölkerung einen in Europa ausgebildeten Augenarzt zu besitzen, geht endlich in Erfüllung. Möge es Ihnen in unserer Mitte gut gefallen, an Arbeit wird es Ihnen nicht fehlen.“ Ich dankte für die freundlichen Worte, indem ich erwiderte, dass ich mich glücklich schätze, in Jerusalem praktizieren zu können. Herr A. fuhr fort: „Sie betreten heute zum erstenmal den Boden der heiligen Stadt. Bevor Sie in Ihr Hotel gehen t werden Sie gewiss gerne die Kossel Maarowi (= Klagemauer) besuchen wollen“. Daraufhin fuhren wir per Wagen nach dem Jaffator und begaben uns von dort zu Fuss nach der „Kossel“, wo eben Mincha gebetet worden war. Der Eindruck, den die Klagemauer mit ihrer Umgebung auf jeden Juden macht, ist ein gewaltiger. Tief ergriffen stand ich an dem Ort, an welchem täglich so viele Juden von fern und nah inbrünstig beten und heisse Tränen vergiessen. Bilder der alten jüdischen Geschichte tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Nie in meinem Leben werde ich diesen Moment vergessen. — Beim Weggehen erblickte ich am oberen Ende der Mauer einen Herrn, der mir als Reisegefährte des Dampfers, welcher uns von Neapel nach Alexandrien gebracht hatte, flüchtig bekannt war. In stille Andacht versunken, stand er, an die mächtigen Quadersteine der Klagemauer angelehnt, und betete. Er war eben im Begriff, sich zu entfernen,