Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3135693-3135700--0558-3136282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
54 dem unjüdischen Vorbild, das ihnen die Eltern gegeben haben? Lassen wir uns doch von der Natur belehren. Solange die Zweige und Blätter kraft- und saftvoll mit dem Baume verbunden sind, bleiben sie am Stamme, auch wenn der Sturm an ihnen rüttelt. Wenn aber die Zweige verdorren, die Blätter verwelken und nur noch lose an ihrem Ursprung hängen, dann lallen sie beim kleinsten Windstoss herunter. Erziehen wir unsere Kinder, dass sie fest im Judentum wurzeln. Jedes Gebot, das wir sie üben lehren, jedes Verbot, das sie zu meiden gewohnt sind, jedes Gebet, das sie regelmässig sprechen, verbindet und verknüpft sie mit dem Judentum. Frommere Juden wollen wir schon um unserer Kinder willen sein, damit sie einmal gute Juden werden und den Namen unserer Eltern, mit dem sie genannt werden, dereinst in Ehren inmitten des Judentums tragen! Ein sinniges Märchen erzählt einer unserer Brüder aus dem Osten: Ein frommer Beter war einst in einem Gotteshause eingeschlafen und erwachte erst in der Geisterstunde, in der auch die leblosen Dinge Leben und Sprache erhalten. Da sah er in einem Gebetpult, das sich geöffnet hatte, einen Tallis vor sich, und der Tallis %veinte und lachte. Warum weinst du, o Tallis, fragte er. Ach, sprach der Tallis, ich bin dazu da, den Juden zu schmücken, wenn er sein Gebet vor Gott ergiesst, aber mein Besitzer betet gar nicht, er ist reich und glaubt der Gebete nicht zu bedürfen. So «bin ich nicht imstande, meine schöne Bestimmung zu erfüllen, ich fühle, dass ich nutzlos bin, und darüber weine ich. Und warum lachst du, fragte er weiter. Nun, sprach der Tallis, bald vielleicht kommt die Zeit, da mein Besitzer die letzte Reise antritt, von der es eine Rückkehr nicht gibt. Dann wird er in mich allein eingehüllt und ausser den Sterbekleidern nimmt er nichts mit als mich, mich,