Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 49)
- Language
- German
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48 Auch wir erleben es heute, dass aus den Tafeln der jüdischen Pflichttreue, die unsere Väter so sorgsam gehütet haben, ein Gebot nach dem andern sich heraus־ hebt und zu verschwinden droht. Muss nicht bei einem Blick auf das jüdische Leben der Gegenwart Angst und Sorge um die Zukunft unseres Volkes uns erfassen? Kann es denn ein Judentum ohne Thora geben? Wenn Sabbat und Festtage, Reinheits- und Speisegesetze und die andern spezifisch jüdischen Pflichten nicht mehr gehalten werden, was bleibt noch übrig? Wir sind der Stein, in den Gott seine Gebote gegraben. Nur diese Gebote haben uns erhalten. Entweicht der Geist des Judentums aus unserer Mitte, sind wir das Gottesvolk nicht mehr, das sich durch die Thora, die es trägt/ unterscheidet von allen Völkern, assimilieren wir uns den Nationen der Welt und werden wir gleich ihnen, so sind wir ein Gefäss ohne göttlichen Inhalt, ein Körper ohne Geist, welcher nicht bestehen kann und der Zerstörung anheimfallen muss gleich jenen Tafeln, die Moses zerbrochen. Aber auch einen tröstlichen Gedanken legt uns die Erzählung vom goldenen Kalbe nahe. Moses bittet und fleht für Israel und ruft dabei Gott an, als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Auf den ersten Blick erscheint die Berufung auf die Stammväter unseres Volkes völlig unangebracht und unpassend in jener Stunde, da Israel sich so schwer versündigt hat. Muss die Schuld der Kinder nicht noch dunkler und schwärzer sich abheben von dem hellen Hintergrund der grossen Ahnen, deren wir uns rühmen? Jene haben ihr Leben für Gott geopfert, und die Enkel haben ihn vergessen und verraten! Dennoch hat Moses recht mit seiner Berufung auf Abraham, Isaak und Jakob. Siehe, so spricht er damit zu Gott, von wie edlen Männern dieses Volk abstammt. Ein guter Kern liegt in ihnen. Wohl haben sie gesündigt, aber sie