Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 47)
- Language
- German
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46 Doch warum hat Gott gerade diesen Tag, gerade den zehnten Tischri gewählt? Freilich könnten wir auch bei jedem andern Tage so fragen. Aber unsere Weisen wissen uns eine befriedigende Antwort zu geben. Einstmals hatte sich Israel schwer versündigt, so sagen sie uns. Unsere Väter hatten ein goldenes Kalb angebetet, und beinahe wäre um dieser schweren Verirrang willen das ganze Volk vernichtet worden. Da hat am zehnten Tischri Gott diese grosse Sünde Israels verziehen und uns in Gnaden wieder aufgenommen. Darum hat Gott gerade diesen Tag als Tag der Versöhnung für alle Zeiten bestimmt. Dieses Wort unserer Weisen ist geeignet, uns zum Nachdenken anzuregen. Sagen sie doch, es gebe kein Geschlecht, das ganz frei wäre von der Sünde des goldenen Kalbes. Unser Geschlecht macht von dieser allgemeinen Regel sicherlich keine Ausnahme. Hat doch ein bekannter Antisemit den Juden im deutschen Parlament vorgeworfen: ״Sie umtanzen noch heute das goldene Kalb, wie ihre Väter es in der WTüste getan haben“. ”Wohl ist dieser Vorwurf in seiner Allgemeinheit unbegründet, wohl trifft er, dort wo er richtig ist, nicht nur die Juden, sondern auch weite christliche Kreise. Aber sollten wir Juden nicht ein ממלכת כהנים sein, ein Reich von Priestern, für alle Völker ein Beispiel der Sittenreinheit und ein Vorbild der Unbestechlichkeit des Charakters? Spielt das Gold nicht eine allzugrosse Rolle in unserm Leben? Beeinflusst es nicht allzusehr schon die Erziehung unserer Kinder? Wir halten sie an, zu lernen, was nützlich ist, was ihnen einmal Geld und Gut einbringen wird, und das einzige Ziel der Erziehung scheint zu sein, sie zu tüchtigen Menschen heranzubilden, die einmal viel Geld gewinnen und dadurch viele Genüsse sich erkaufen können. Und wo bleiben die Ideale, die