Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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44 auf unserer Seele. Sie hindern uns am sittlichen Aufschwung und erschweren unser Vorwärtsschreiten zum Guten. Sie drücken das Göttliche, das in uns lebt, in den Staub und in die Niedrigkeit herab. Da kommt der heutige heilige Tag und ruft uns mit den Worten des Propheten zu: .״ ופר עונךוחטאתך תכופרEs weicht deine Schuld, und deine Sünde wird gesühnt“, und erlöst und befreit können wir ein neues besseres Leben beginnen. Das alte Märchen, das schon manchen Dichter begeistert hat, erzählt von einem Prinzen, der durch den Bann eines Zauberers in ein Tier verwandelt worden war. Aber an einem Tage weicht der Eluch, und aus dem Tiere wird ein Mensch, ein edler Königssohn, der seiner Würde sich bewusst, zurückkehrt in den Palast seines Vaters. Erleben wir nicht alljährlich an uns selbst dieses Märchenwunder? Das ganze Jahr hindurch herrscht der Körper mit seinen sinnlichen Begierden über die Seele, welche ihre Sehnsucht himmelwärts zieht, und mancher Mensch vergisst über der täglichen Arbeit und seinen körperlichen Bedürfnissen überhaupt, dass er eine Seele, ein ״Gottesteil von oben“ in sich trägt, und sorgt wie das Tier nur für sein leibliches Wohlergehen. Aber wie im alten Born an einem Tage des Jahres, die Knechte von ihren Herren bedient wurden, so triumphiert am heutigen Tage die Seele über den Körper. Und da sagt man, wir Juden seien ein materielles Volk. Man zeige uns doch eine Nation, die ein so rein geistiges Fest zu feiern imstande ist wie wir. Am heutigen Tage geniessen wir nicht Speise und Trank, entsagen allen Vergnügungen und sinnlichen Freuden, beten und büssen; und dennoch nennen wir diesen Tag den schönsten, den herrlichsten, den reinsten Tag des Jahres, weil er ein Feiertag der Seele ist, an dem wir unserer Menschenwürde, unseres göttlichen Ursprunges uns bewusst werden und von den zwölf Millionen Juden, die in der