Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 202)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3135693-3135696--0445-3136168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
201 der Leo wird es bald. Und dann die Schulerlebnisse und die Erfahrungen auf dem Spielplätze. Schwimmen und Turnen können sie auch schon. Und die Mädchen lernten kochen, nähen ... Ob ich nicht dies alles in meiner Zeitung genau beschreiben wolle? „Ja, gewiss, nur munter weitererzählt.“ Zwei Dutzend Kinder und jedes hat seine eigene Heimatgeschichte, voll Leid und Bitterkeit, die von der liebreichen Gegenwart gemildert, aber nicht ganz verwischt werden konnte. Da ist der rotbäckige, schwarzäugige Bursche von zwölf Jahren. Was er damals, als er in Kiew, im dumpfen Keller gesperrt, die Ankunft der Mordgesellen erwartete, gesehen und erlebt hat, lässt sich nicht erzählen. Aber er versucht es so oft und so gut er kann. Dann umringen ihn ehrfurchtsvoll die andern und lauschen aufmerksam auf die blutfarbenen, wortreichen Berichte des kleinen Pogromwaisen. In seinen Augen flammt ein seltsames Feuer und seine Fäustchen ballen sich. Hier aber sieht er nur liebe, freundliche Gesichter um sich und da bricht sieh des geweckten Kindes froher Mut durch all die trüben, schaurigen Erinnerungen bald Bahn und er lacht, singt und tanzt mit den andern . . . Aber sein Landsmann, der Tob, bleibt, wie immer ernst und schweigsam. Er hat keinen Pogrom gesehen, denn er stammt aus Littauen, das nicht von den schwarzen, sondern von den roten Banden, die den Mord im Kleinen betreiben, beherrscht wird. Allein, was er erlebt hat, hat sich noch tiefer in des Kindes Gemüt eingeprägt und einen Zug dem feingeschnittenen, bleichen Gesichtchen verliehen, der ergreifend wirkt. Mitten im muntern Gespräche oder im Spiele bricht oft der Knabe ab, als müsste er über etwas nachdenken, über etwas Unfassbares,