Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5678 = 1917/18 (1917-1917)
- Issue
- 5678 = 1917/18 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 165)
- Language
- German
- Belongs to
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164 So verging der Winter. Als es wieder Sommer geworden war, fuhr Herr Davidsohn mit seinem Gefährte auf die Rittergüter der Umgegend, um in gewohnter Weise den Besitzern die Produkte ihres Bodens und ihrer Herden abzukaufen. Als er eines Tages nach Rinsingen zurückkehrte, sah er seinen Vetter mit dem schweren Packen beladen dahinkeuchen. „Moses,“ rief er ihm zu, „warte, bis ich zu Dir komme und steig auf meinen Wagen.“ Moses blieb stehen, schnallte seinen Packen hinten auf und bestieg den Wagen. Die beiden Vettern sassen stumm nebeneinander; sie gedachten Beide jener Fahrt vom vorigen Jahr. „Moses hat Recht gehabt,“ sprach Joseph in seinem Herzen, „ich habe mich damals an ihm versündigt durch meinen törichten, dummen Stolz. Wer weiss, ob jene Himptengeschichte nicht die Strafe dafür war, dass ich den braven Mann so beleidigt habe! Nun, heute will ich’s wieder gutmachen.“ Als sie in die Nähe des Stadttores kamen, sagte Moses: „Halte still, ich will hier absteigen.“ „Nein,“ entgegnete Joseph, „ich fahre Dich bis an Deine Türe.“ Vor dem Stadttore sassen die alten Stadtsoldaten; sie hatten den ganzen Tag nichts zu tun und vertrieben sich die Zeit mit der nützlichen Beschäftigung des Strümpfestrickens. - „Fritz,“ sagte Einer zum Andern, „da kuck mal! Es muss doch nicht wahr sein, dass der Jude Joseph im Zuchthause war, sonst würde der ehrliche Moses nicht mit ihm zusammen durch die Stadt fahren!“