Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 151)
- Language
- German
- Belongs to
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150 wenigen Wochen war er träumerisch geworden; manche unbedachte Aeusserung verriet dem aufmerksamen Lehrer, was im Innern des Schülers vorging. Bis jetzt hatte der Greis geschwiegen; sollte er den Jüngling zur Rede stellen oder sollte er noch ferner abwarten? Diese Gedanken beschäftigten den Rabbi, als leise an die Türe geklopft wurde und Jakob eintrat. „Was führt dich noch in später Nacht zu mir, mein Sohn?“ fragte ihn sanft der Rabbi. „Rabbi,“ antwortete Jakob demutsvoll, „Ihr wisst, mit welchem Eifer ich den Talmud und die rabbinischen Schriften studiert habe; Ihr selbst habt es oft genug ausgesprochen, dass ich tief eingedrungen bin in die Schachten der göttlichen Lehre. Jetzt aber möchte ich die tiefsten Tiefen des Wissens ergründen; Rabbi, lehrt mich die Kabbala! Der Rabbi erschrak, als er dieses Wort vernahm. „Jakob,“ sprach er, „ich habe in deinem Herzen gelesen. Du strebst nach Ehre und Reichtum und irdischem Genuss, und dazu soll dir die heilige Wissenschaft als Mittel dienen. Weisst du nicht, was die Weisen sagen: Wer die Krone als Werkzeug gebraucht, vergeht?“ Eine tiefe Röte hatte Jakobs Antlitz überzogen; er hatte keine Ahnung davon, dass ihn sein Lehrer seit Wochen beobachtet hatte. Jetzt sah er seine geheimen Absichten verraten. „Nur der Kabbalist vermag in den Herzen der Menschen zu lesen“, dachte er. Um so grösser wurde seine Begier. „Rabbi,“ sprach er dann, „es ist wahr, ich hatte solche Gedanken. Allein, ich schwöre euch, ich will sie weit, weit hinwegbannen. Nur der reine Wissensdurst, nur das Streben, zu lernen, zu lehren, zu beob-