Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 134)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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133 Aus meiner Reisemappe. So ein alter Reiseonkel, der hat seine Erfahrung. Wenn man jahraus, jahrein kreuz und quer ein Land durchzieht, dann tut man sich nicht wenig zu gut auf all die Wissenschaft, die man mit seinem scharfen psychologischen Blick entdeckt und gesammelt hat. Und so ganz besonders stolz fühlt man sich, wenn man nicht nur die breite Heeresstrasse geht, sondern seine Schritte in Seitenpfade lenkt, dorthin, wo noch die alte Beschaulichkeit und Gemütlichkeit herrscht, in die altlieben Städtchen und aufs Land. Denn da glaubt man unendlich viel mehr zu schauen, als in den grossen Städten; hier wird nicht ein jeder in die Schmiede geschleppt, um zwischen Hammer und Amboss zu einem hübsch ebenen, glatten Block geschlagen zu werden, an dem die Ursprünglichkeit nicht mehr zu erkennen ist, an dem alle Hebungen und Senkungen, alle Rauheiten und Unebenheiten hübsch ausgeglichen sind. Wahrlich, er tut gute gründliche Arbeit, der Schmied; wo Hammer und Amboss nicht genügen, da hilft noch Feile nach und Lötkolben. Und wenn er sein Tagwerk vollendet, dann stehen sie nebeneinander in Reih und Glied, alle die Blöcke, und selbst das schärfste Auge vermöchte nicht, sie zu unterscheiden einen vom andern. Aber da draussen auf dem Lande, wo dieser Allerweltsausgleicher noch keine Stätte gefunden, da herrscht noch Natürlichkeit, da gibt’s noch Originalität. Und drum mag ich sie gar gerne leiden, diese Städtchen und Dörfer. Drum zieht’s mich auch immer wieder zu ihnen hin. Natürlich lieb ich’s auch, der ganzen Welt meine Weisheit zu offenbaren. Aber neulich, da bin ich an einen Ungläubigen gekommen. „Die Liebe macht Sie blind, mein lieber Herr“, sagte er in dürren 10