Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Der „Kindlifresser-Brunnen“, ein historisches Unikum, hat auf dem verkehrsreichen Kornhausplatz seinen Standort. Er wurde in den Jahren 1540—45 erstellt. Ueber seine Entstehung sind die Meinungen und Berichte sehr verschieden, und was wir erfahren, klingt sehr sagenhaft. Die einen behaupten, der „Kindlifresser“ soll einen Vertreter der Juden darstellen, da er denselben Hut trägt, wie ihn die Juden jener Zeit tragen mussten. Hoch auf dem Sockel thront der Schreckliche. An seiner Seite hängt ein Sack voll eingefangener Kinder, die er, eines nach dem andern, verschlingen will. Einem beisst er gerade den Kopf ab, um so in drastischer Weise einen der verhassten Juden darzustellen, vielleicht den Juden, der nach einer alten Berner Chronik ein Knäblein namens Ruff im untersten Hause der Marktgasse gekreuzigt haben soll. Hingegen behaupten die anderen Chronisten, dass die Sache sich in Wirklichkeit wie folgt verhalte: Die Berner waren den Juden viel Geld schuldig und hassten sie deshalb nicht wenig. Allerlei Vergehen, die den Juden damals angedichtet und zugeschrieben wurden, dienten nur als Vorwand, um sie auszuweisen und zu verjagen. Die Juden aber, als „ewige Kammerknechte des Reiches“ — für diesen Ehrentitel und den Schutz, den sie genossen, hatten sie zuhanden des deutschen Kaisers Rudolf von Habsburg ein jährliches Kopfgeld zu entrichten — wandten sich an letzteren mit der Klage, dass sie, obgleich ganz unschuldig, von Bern, einer freien Reichsstadt, verbannt wurden. Da legte sich Kaiser Rudolf im Jahre 1288 ins Mittel, indem er die Ausführung dieser ungerechten Massregel verbot, und vr