Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5677 = 1916/17 (1916-1916)
- Issue
- 5677 = 1916/17 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Aber nicht nur die Kürze unseres Lebens gibt uns zu ernsten Gedanken Anlass. Im Buche Hiob (7,1) lesen wir einen Satz, der uns zu denken gibt, „wie die Tage des Mietlings, sind des Menschen Tage". Warum vergleicht Hiob das Leben des Menschen mit dem des Taglöhners? Weil dieser die Stunden zählt bis der Feierabend kommt, weil er sich freut auf den Augenblick, der ihm Ruhe bringt und in welchem seine Arbeit endigt. Er horcht auf den Schlag der Turmuhr und sehnt die Zeit herbei, in welcher ihm nach der Mühe und Plage des Tages Erholung und Erquickung winken. Geht es nicht ähnlich den meisten Menschen, die unzufrieden mit ihrer augenblicklichen Lage, stets ein Ende des gegenwärtigen Zustandes herbeiwünschen, weil sie von der Zukunft mehr Glück und Freude erwarten? Und nun begreifen wir die ganze Tiefe des biblischen Ausspruchs. Da unser Leben so überaus kurz ist, so sollte man meinen, dass wir Menschen uns an die vergängliche Stunde anklammern sollten, dass es uns leid sein müsste um jedes Jahr, das verrinnt von unserm flüchtigen Dasein, dass wir jeder Stunde, die wir auf Erden geniessen, des Dichters Wort zurufen sollten: „Verweile doch, du bist so schön." Aber das Gegenteil ist der Fall, und diese menschliche Eigentümlichkeit ist es, die unser Los noch tragischer macht, als es ohnehin schon ist. Kurz ist das Leben, und doch sehnt der Mensch die einzelnen Phasen seines Daseins hinweg, immer unzufrieden mit der Gegenwart, immer begierig nach einer Zukunft, von der er schönere Tage erhofft. Schon der Knabe, dessen junges Leben von Spiel ausgefüllt ist, wünscht, dass diese sorglose Zeit, die schönste des Daseins, verschwinde, und er in die Schule eintreten dürfe. Der Schüler wünscht sehnlichst, dass er die Schule verlassen und ins schaffende Leben