Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 28 (9.7.1841)
- Date
- 1841-07-09
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133903--1225-3135450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
224 immer höher empor; es ist nun an der Zeit, das Errungene und Gediegene zum Gemeingute zu machen. Prag. — Ueber die in Nr. 20 erwähnte Frage, betreffend eine den Armen zum Vortheil gereichende gesetzlich zuständige Erleichterung, lautet dem Vernehmen nach die Antwort eines in der Wissenschaft hochgeachtetnn Rabbinen dahin, daß das Rabbinal als solches sich nicht für befugt halte, angenommene Ansichten, welche im Volke mit religiöser Treue als wesentlich betrachtet werden, und aus welchen Vorschriften hervorgehen, die man mit Strenge beobachtet, einseitig außer Kraft zu setzen, indem dies den Beschwerden nicht adhelfen, zu größerem Nachtheile aber alles Vertrauen auf die Rabbinen schwächen würde. — So ist denn freilich ein sicheres Resultat nicht zu erlangen. — Literatur. ■as me-j; von Hirsch Chajes, Rabbiner in Ziolkow. Eine Sammlung von 6 nach einander bereits einzeln erschienenen Piecen, wozu die Einleitung, 4 Bl. in 4., vor uns liegt. Diese recht gut geschriebenen Blätter athmen einen versöhnlichen Geist, und scheinen insbesondere geeignet, auf die Israeliten in Oesterreich und Rußland einen guten nachhaltigen Eindruck zu machen. Der gelehrte Vf., dessen umfassende Sachkenntniß und methodisches Verfahren wir gewiß vollkommen anerkannt haben, wenn gleich wir nicht mit allen Resultaten einverstanden sein mögen, sucht hier seine Glaubensbrüder über die verschiedenen, unsrer Religion in politischer, bürgerlicher Beziehung gemachten Vorwürfe avfzuklären, indem er deutlich aus den Quellen nachweist, daß solche durchaus nicht in diesen ihren Grund finden, daß vielmehr eine klare Auffassung des religiösen Geistes, wofern nicht äußerer Druck alle Bewegung gehemmt, und der Kraftentwickelung geradezu eine schiefe Richtung gegeben hätte, den Juden nur recht gemeinnütziges bürgerliches Wirken anempfohlen haben würde, wie denn auch die bereits eingetretenen Befreiungen selbst setzt hinlänglich beweisen, day die Israeliten von den an ihnen zum Theil mit Wahrheit gerügten Fehlern sich loszumachen suchen. Er richtet hiedurch den Geist seiner Brüder auf, tröstet sie mit einer naben bessern Zukunft und belehrt sie dabei auf eine einfache Weise über die zeitgemäßen Bestrebungen. Wir halten diese kurzen Aeußerungen abseiten eines Rabbiners, der sich bereits in der gelehrten Welt einen wohlbegründeten Ruf erworben, für sehr'verdienstlich, und glauben, daß er, auf dieser Bahn fortschreitend, sebr wohlthäng wirken werbe. Die Furcher Schule und ihr neuestes Produkt. rbw 2 Bände in 4to von Wolf Hamburg. (Eingesandt.) Als das Thalmudsrudium noch zu den rituellen Pflichten des Iudenthums gerechnet ward, und die Schulen (Jeschiboth) in den größern Gemeinden Deutschlands von der ganzen jüdischen Jugend, ohne Rücksicht auf ihre künftige Bestimmung eines jeden frequentirt wurden, gab es auf denselben zwei Unterrichtsmethoden, die noch jetzt ihren wohlthätigen oder verderblichen Einfluß auf die nach diesen Methoden Herangcbildeten äußern. Die eine Methode war, den Schülern den Thalinud und die Kasuisten klar und verständlich vorzutragcn, und dieselben mehr auf den praktischen Theil zu verweisen, als auf unfruchtbare Theorien hinznlenken. Dieser Methode war die Schule zu Frankfurt zugetban. Schüler und Lehrer beflissen sich mehr einer tiefen Sachkenntnis und Gründlichkeit des Verständnisses als der sophistischen Grübeleien, und gaben nur in so weit der herrschenden Mode anderer Schulen nach, daß der Rosch Ieschibah (erster Hauslehrer oder Rabbiner) zu Anfänge eines jeden Semesters einen kasuistisch disputatorrschen Vortrag hielt, der m der Kunstsprache Cbiluk genannt ward. Die andere Methode, die auf den Schulen zu Fürth und Mainz vorherrschte, bestand darin, daß man den Scharfsinn der Schüler mit spitzfindigen Fragen beschäftigte, und sie befähigte, scheinbare Widersprüche im Thalmud aufzufinden und zu beseitigen, und so durch allerlei Finten und Klopfechtereien das einfache Verständniß zu umgehen und zu erschweren. Ist nun die verderbliche Wirkung jener Schule äußerlich nicht mehr wahrzunehmen, da die Frequenz derselben im Verhältnis' zur srühern kaum in Betracht kommt, so ist dennoch ihr Einfluß auf die aus dieser Schule hervorgegangenen und noch hervorgehenden Werke unverkennbar; und während der würdige und hochbejahrte Rabbiner zu Frankfurt wohlweislich seine Manuskripte, thalmudischen Inhalts, zurückhält, überftuther Herr W. H., der Veteran der Fürth er Schule, die Welt mit bändereichen Schriften, welche die Wissenschaft gewiß nicht fördern, aber auch das Iudenthum nicht stützen, und höchstens bei den Lesern ein tiefes Bedauern erregen, daß ein so reiches Material und so viele Verstandeskräfte zu so nutzlosen Zwecken verwendet worden. Herr W. H., bereits durch mehrere Schriften dieser Art bekannt, hat obiges Werk zu Gunsten jüdischer Auswanderer edirt. Der edle Zweck ist des Verfassers frommen Sinnes würdig, und um so mehr muß man beklagen, daß selbst die nachsichtigste Kritik dem Werke auch den kleinsten Ruhm, auch die geringste Anerkennung absprechen muß. Dieses enthält nämlich: a) Anfragen mehrerer Rabbinen — theils Gegenstände der Kasuistik betreffend, theils zur Beseitigung und nähern Beleuchtung mehrerer schwierigen Stellen im Thalmud — und des Verfassers Re sponsert, d) Des Verfassers Vorträge bei mehreren festlichen Gelegenheiten. Die Vorträge oder Deraschoth des Verfassers sind von den vielen Produkten dieser Art, womit die jüdische Literatur so gesegnet ist, weder durch Form noch durch Gehalt verschieden. Mehr das Erzeugniß einer zelotischen Gesinnung als das Ergebnis' wissenschaftlicher Bildung und Forschung, sprechen sie weder durch treffenden Witz und Scharfsinn, noch durch Gewandtheit der Sprache an? Weder belehrend noch erbauend, konnten sie blos für das schwärmerische Gemüth seiner Zuhörer einen momentanen Reiz haben, der aber auf die Vernunft oder das Herz keinen bletdenden Eindruck zu machen geeignet ist. Der Verfasser hat zwar, mit einem Ungeheuern Gedächlniß begabt, die ganze rabbinische Literatur inne, verfährt aber durchaus nicht kritisch mit seinen aufgehauften Schätzen, und kein auch noch so offenkundiger Unsinn schreckt ihn zurück; und wenn solcher nur in der Literatur eine gedruckte Stelle einnimmt, so ist er wichtig genug , um ihn anzuführen und — ein Luftschloß darauf zu gründen. Zwei Proben werden hinreichen, dieses Urtheil zu rechtfertigen. Im zweiten Theil S. 129 b wird eine Ursache erdacht, warum Iubal, der Erfinder musikalischer Instrumente, nur die Harfe und Schalmey, nicht aber die Guitarre erfunden hätte; weil nämlich: nach einem Midrasch, die Menschen erst nach der Sündfluth die Fingerabtheilung erhalten hätten, bis dahin die Hand nur aus einem zusammengewachsenen Klumpen bestanden. Iubal konnte daher nur solche Instrumente erfinden und nur auf solchen spielen, wozu man, wie bei der Harfe (?) keine Fingerbewegung, und zurHervorbringung der Tonleiter nur das Klopfen mit der Hand bedurfte. — Der Verfasser scheint nie eine Harfe auch nur im Bilde gesehen zu haben! — S. 148 wird die historische Notiz Raschi's zu Megillah 9: „Tolmi (Ptolemäus) war König in Egypten," besprochen, worüber der Verfasser sein Erstaunen ausbrückt, und fragt, was wohl Raschi daran liege, ob Tolmi über Egypten oder über ein anderes Land regiert hätte? und dies dient zum Thema eines Vortrages. Der neugierige Leser möge die Beantwortung dieser sinnreichen Frage selbst Nachlesen; Ref. konnte sich nicht dazu entschließen. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Johann David Saucrländer in Frankfurt am Main.