Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 25 (18.6.1841)
- Date
- 1841-06-18
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 tcn sie Polygamie (die Rabbinen nicht minder) welche jedoch im Leben herkömmlich nickt mehr Statt findet. Den Ursprung ihrer Sekte führen sie bis auf die Zerstreuung der Israeliten zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft zurück, und ihrem langen Aufenthalte unter den Heiden und der geringen Zahl der Abschriften des Gesetzes schreiben sie manche eingeschlichenen Irrthümer und falsche Traditionen zu. Bei der Wiederherstellung der Stämme (soll wohl heißen, bei der Rückkehr nach Palästina) haben viele, da die h. Schr. mit Commentarcn belastet war, diese nicht annehmen wollen, und sich Karaiten genannt, in Folge dessen sie von ihren Brüdern hart verfolgt wurden. Die Karaiten behaupten auch, daß unser Erlöser ein Mitglied ihrer Gemeinde gewesen sei, und mit ihnen gleiche Ansicht hatte von den rabbinischcn Interpretationen, und sie beweisen dies aus seinen wiederholten und starken Aeußerungen gegen rabbinische Erklärungen; sie läugnen auf das Bestimmteste, daß einer ihrer Secte auch nur im Entferntesten bei der Kreuzigung Christi betheiligt gewesen sei. (Die ältern Karaiten sprachen unsers Wissens von Christo gar nicht, es wäre denn, daß, wie zu vermuthcn steht, die aus dem Werke des Juda Hadassi ausgelassenen Alphabete vom Christenthum manches enthielten. Die neuern hingegen, und namentlich Abraham Firkowitsch, scheinen in der That auch von dieser Seite das rabbinische System gern bekämpfen zu wollen, und eine Befriedigung darin zu finden, daß sie durch solche Aeußerungcn die Christen für sich gewinnen. Der genannte Firkowitsch schreibt in seiner Abhand Chotam Tochnith Bl. 54» ausführlich in diesem Sinne, und beruft sich auf ein Werk des Thaddaeus Zazkii (V) betitelt Secta de Karaim, ohne anzugeben, in welcher Sprache es geschrieben ist, auch auf Iehuda Hadassi, ohne nähere Nachweisung.) Sie glauben auch die einzige authentische Abschrift des A. T. zu besitzen. Gleich den Quäkern sorgen sie reichlich für ihre Armen. — Sie leben vorzüglich vom Handel, und sind im Allgemeinen wohlhabend. — Wir trafen sie auch öfters in Polen und Gallizien an, wo sie sehr in Achtung stehen, und mit den Christen gleiche Rechte haben. (Keinesweges, obwohl sie freier sind als die Juden.) Vielleicht erzieht keine religiöse Secte ihre Jugend sorgfältiger als diese, indem alle ohne Ausnahme (wir finden die ganze weibliche Hälfte ausgeschlossen) in der Synagoge öffentlich unterrichtet werden. Diese Sorgfalt hat auch eine Theilung der Bücher des A. T. zu Wege gebracht. Der Pentateuch galt nämlich als Führer der Jugend zum Glauben und zur Sittenlehre, während das Lesen der übrigen Bücher verschoben wird, bis der Verstand gereifter ist. Sie wollen diese Scheidung traditionell seit undenklichen Zeiten vvrgefunden haben. — In ihrer Tracht gleichen sie den Armeniern, sie tragen lange weite Obergewänder und auf dem Kopfe eine Pelzmütze. (Man vergleiche hiermit unsere frühern Berichte in den ersten Jahrgängen der Annalen.) Prag. — Sicherm Vernehmen nach beabsichtigt man auch hier, wo die Elemente zu tüchtigen Leistungen beisammen sind, ein Seminar zu errichten, und sind die geeigneten Schritte geschehen, um von hoher Landesstelle die Genehmigung dazu zu erlangen. Ein Seminar wäre gewiß eine große Wohlthat für sämmtliche Gemeinden Böhmens und Mährens, und zugleich ein Mittel, um schlummernde Kräfte und ausgezeichnete Fähigkeiten, die jetzt keiner eigentlich nützlichen Thätigkeit zugewendet sind, zu wecken und resp. auf das Leben hinzuweisen. — Aehnliche Wünsche drückt ein anderes Schreiben aus Böhmen aus: — Nicht bloß die Zeitschriften verdienen den Tadel, daß sie oft das wahre Bedürfniß nicht erkennen, auch in größern Werken, denen man den Vorwurf des Eigennutzes nicht machen kann, muß der Beobachter einen praktischen Sinn gänzlich vermissen. Es ist wohl schön und gut, ein Gedicht oder Gedichtchen aus dem 12ten oder I3ten Jahrhundert auszugraben, die Biographie irgend eines längst vergessenen Rabbinen mit Gelehrsamkeit und Scharfsinn zusammen zu leimen, selbst eine thalmudisch-exegetische Abhandlung kann amüsiren. Das alles ist aber nur Luxus für Begabte. Für indische Vogelnester ist unser Gaumen nicht empfänglich. Wir bedürfen gesunder Nahrung, um unsre consumirten Kräfte zu restauriren, gutes nahrhaftes Brot. Man gebe uns die wahre Lehre in ihrem Wesen und lehre uns, sie recht erkennen und lieben; man zeige dem Irrenden, wie die Zeiten der Barbarei sie bis zu einem unsinnigen Heidenthum herabgewürdigt haben, und erbebe sie wieder in ihrer vollen Reinheit. Das ist alsdann wahrhafte Verbreitung der Wissenschaft und Beförderung ächter Aufklärung. (Sehr wahr und beherzigenswerth!) — Betreffend die in Nr. 20 erwähnte Frage, welche eine hier erschienene kleine Schrift ernstlich angeregt hat, und deren Zweck vorzugsweise dahin geht, dem Volke, das itt blindem Wahne hinbrütend, sich durch eine ganz irrige Religiosität Lasten auflegt, die es nicht zu tragen verpflichtet ist, und sich das Leben erschwert, ohne an wahrer Pietät dadurch zu gewinnen, über die Verhältnisse der Synagogensatzungen auf gesetzlichem Boden aufzuklären — wird, wie wir hören, einer der Oberjuristen (Freund) in hebräischer Sprache sich vernehmen lassen, was freilich dem Zwecke einer klaren Rechtfertigung des Irrigen nicht entsprechen kann und noch weniger zur Beleuchtung des fraglichen Punktes so führen wird, daß dadurch die Zweifel beschwichtigt werden. Warum wirb dem Volke die nöthige Belehrung nicht in deutscher, jedem verständlicher Sprache gegeben? — Vielleicht ist dies aber einem andern Vorbehalten. Notiz. Im Mai-Heft der ^reliiveslsrae!it68 giebt Hr. Worms aus Marseille, Secretär des dortigen Consistoriums, eine Notiz, daß er aus dem Dalum der Sebastian Münster'schen Vorrede zu seiner Bibel, wo das Jahr 1502 als das des erwarteten Messias bezeichnet ist, glaube mit Recht schließen zu dürfen, daß die mehrfach besprochene Medaille, welche zu Lyon gefunden worden, in das Jahr 1503 zu verlegen sei. Uns ist der Zusammenhang dieser Medaille mit dem bekannten, schon im Jahre 1500 angeregten Messiasunfuge (s. Geschichte der Israeliten VH. 202) nicht klar geworden; wir würden daher es gern sehen, daß Herr Wsich ausführlicher darüber erkläre. D. H. > Druck und Verlag von Johann David Sauerlander in Frankfurt am Main. i ■