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Israelitische Annalen · 1841-05-21 · Heft 21 (21.5.1841) · p. Seite 168

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 21 (21.5.1841)
Date
1841-05-21
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
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168 St. Nicolau in Ungarn, den 26. April 1841. — Folgende Details über diesseitige Zustände dürften von einigem Interesse sein: Herr Isaak Diner, mehrjähriger erster Repräsentant unsrer Gemeinde, wünschte vor Kurzem die Trauung seiner Tochter in der Synagoge vollziehen zu sehen. Jeder Wohldenkende zollte ihm lauten Beifall; denn die Trauung auf offener Straße, unter dem Zulauf des Straßenpöbels, der in das Geschnörkel des rezitirenden Chasan mit gellendem Hohngelächter einfällt, ermangelt nicht nur aller Weihe, sondern macht auch jedem fühlenden Brautpaar den wichtigsten Schritt seines Lebens zu einem peinlichen Akte. Nun aber sind in frühern Zeiten die Trauungen Allgemein in der Synagoge vollzogen worden. *) Erst der Glossator R. Mos. Isserles führt die Meinung Einiger an, die Chupah unter freiem Himmel aufzustellen, und zwar als ein gutes Omen, daß ihr Same den Sternen des Himmels gleich käme. In jener Zeit, wo die Juden in eine entlegene Gasse eingeschlossen waren, wo die Christen um ihre innerst Angelegenheiten sich nicht kümmerten, wo endlich unerträgliche Unterdrückungen und blutige Verfolgungen den Namen Israels von der Erde zu vertilgen drohten, da mochte solcher Grund vielleicht hinreichend sein, die Trauung aus der Synagoge in den allgemeinen Tempel der Natur zu versetzen; in unsrer Zeit aber, wo jene Verfolgungen, Unterdrückungen und Einschränkungen größtentheils nachgelassen haben, wo unsre christlichen Mitbürger sich mehr um unsre innern Angelegenheiten kümmern, wenigstens in so weit sie bespöttelt werden können, wo endlich das Bedürfniß nach Traureden allseitig erwacht ist — in unsrer Zeit, glaube ich, können wir mit Zuverlässigkeit annehmen, daß selbst R. Mos. Isserles, wenn er aus dem Grabe erstände, der Znrückversetzung der Trauungen in das weihevolle und Ehrfurcht einflößende Gotteshaus beifallen würde. Wo sich aber solches annehmen läßt, können die wichtigsten, von den größten Autoritäten ausgegangenen Einrichtungen und Verordnungen aufgehoben werden. (S. Hagahoth Aschen Ktuboth 3 b.) Unser Rabbiner indeß wollte den Wunsch des Herrn I. D. durchaus nicht gewähren; er erklärte zwar die Trauung unter freiem Himmel für einen bloßen Gebrauch (Minhag), er wolle aber auch den geringsten Gebrauch nicht verletzen. Das Barttragen, sagte er, sei auch nur Gebrauch, und er achte einen Barbirten nichts desto weniger, aber er selbst würde sich doch um keinen Preis barbiren. Der Trauung in der Synagoge durch einen Andern werde er sich nicht widersetzen. Herr I. D. wollte aber seine Tochter durch ihn getraut wissen. *) S. Geiger's Zeitschrift 4. B. S.36 ff., wo dieß klar nachgewiesen wird. Zur Beseitigung des Einwurfs, als spräche der Leib Schmuel 30,9 von der Zeit des RIBS., in welcher die Verlobung (Kidduschin) von der Chuppah getrennt worden sein dürfte, verweise ich auf R. N. Alpbesi Kthuboth 3 a, wo er ausdrücklich sagt, daß zu seiner Zeit die Trauung von der Verlobung nicht getrennt wurde. R. N. war aber bekanntlich Lehrer des R. I. B. S. er drohte mit obrigkeitlichen Befehlen, und die Stimmung des wichtigern Theils der Gemeinde ließ noch anderes befürchten; aber der Rabbiner blieb unbeweglich, und war bereit, lieber seine Stelle niederzulegen und sich also in Armuth und Noth zu versetzen, ehe er von seinen — freilich mehr angeborenen, als erworbenen — Grundsätzen ein Haar breit abweiche, — da ging die Trauung unter freiem Himmel vor sich. — Schon in diesem Zuge wird man den imponirend hohen Charakter unsers Habbinen erkennen. Diesen Charakter machen eine kindliche Herzensgüte, eine seltne Bescheidenheit, eine bei so festem Halten an Formen fast beispiellose Toleranz sehr liebenswürdig. So streng er gegen sich selbst ist, so nachsichtsvoll ist er gegen Andre. Mag einer noch so tief gesunken sein, mag er alle Religiosität und Humanität ausgezogen haben, er wird noch immer gute Seiten an ihm suchen, und findet er keine, so stellt er ihn, der menschlichen Schwäche stets eingedenk, der göttlichen Gnade anheim, erlaubt sich aber nie ein Verdammungsurtheil. Er ist einer der größten Thalmudisten 'unsrer Zeit, besitzt einen durchdringenden Verstand, ist aber gleichwohl jenem Chilukwesen sehr gram. In seinen rituellen Entscheidungen bewegt er sich sehr frei, und'er erkennt den 8oku1chau Aruch keineswegs als unwidersprechliche Autorität an. Nur dem Zeitgeiste will er in Nichts nachgeden. Wäre er von diesem durchdrungen, wir hätten einen trefflichen Theologen an ihm. So hochachtenswerth also unser Rabbiner ist, zu so tiefer Verehrung gegen ihn, besonders ich*), mich verpflichtet fühle, so glaube ich es doch der noch mehr verpflichtenden Wahrheit schuldig zu sein, noch einmal zu erklären , daß, sollen unsre kirchlichen und gemeindlichen Angelegenheiten nicht immer erstarrter und verrosteter werden, es dringend Noth thue, einen mit dem Zeitgeiste befreundeten Mann ihm zur Seite zu stellen, der die Lücken, die er zurückläßt, ausfüllen könnte. (Schluß folgt.) Erklärung. Die Redaktion findet gegründete Veranlassung zu erklären, daß von allem, was über die Streitschriften nN*nn und deren Verfasser in den Annalen oder in Zion geurtheilt oder berichtet worben, durchaus nichts von Herrn H. S e g a l l e in Tarnow herrührt. Dies zur Vermeidung fernerer Mißverständnisse. *) Ich war 9 Jahre sein geliebter Schüler, und bin es zum Theil noch. Anzeige. So eben ist erschienen: 1) Festgebete 3r und letzter Band (P.1JTQB0 mit einer neuen eigenthümlichen Uebersetzung für Frauen. Preis aller 3Bde. Rthlr. 4., auf Schreibp. Rthlr. 5., Velin Rthlr. 6'/2. — 2) vollständig - Rthlr. 2'/2., de Schulausgabe 20 Sgr. 3) Religions- Lehren der Israeliten n^i m als Leitfaden beim Unterricht und zum Gebrauch bei Einsegnungen. Dritte erweiterte Auflage 10 Sgr. — 4) Deutsches Andachtsbuch für Israeliten, in Gesängen und Gebeten (rYttnrQ. Sechste sehr vermehrte Ausgabe. Eingebunden 25 Sgr. Dr. I. Heinemann, Vorsteher einer Erziehungs-Anstalt für Söhne und Töchter, in Berlin. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer in Frankfurt am Main.

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